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Es reicht! Für alle!: Wege aus der Armut

Es reicht! Für alle!: Wege aus der Armut
Von Martin Schenk, Michaela Moser

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.. Martin Schenk, der Armutsexperte der öst. Diakonie zeigt zukunftsträchtige Wege auf.

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  • Amazon-Verkaufsrang: #39739 in Bücher
  • Veröffentlicht am: 2010-02-08
  • Einband: Taschenbuch
  • 240 Seiten

Aus der Amazon-Redaktion

Kurzbeschreibung
Die SozialexpertInnen Martin Schenk und Michaela Moser machen in ihrem faktenreichen Plädoyer "Es reicht! Für alle!" deutlich, dass - selbst in Krisenzeiten - genug für alle da ist, dass Armut tatsächlich vermeidbar und die Frage der gerechteren Verteilung des Wohlstands eine der drängendsten politischen Fragen ist. Wollen wir den Aufstand in der Vorstadt dauerhaft verhindern, müssen wir in Zukunftsperspektiven investieren. Anhand von internationalen Beispielen und Best-Practice-Modellen aus unterschiedlichen Ländern zeigen die AutorInnen, was etwa Bildungsoffensiven, gezielte Kampagnen und ein deutlich gewandeltes Verständnis von Arbeit und Arbeitszeit bringen können.

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Vorwort
Es reicht! Mitten im reichen Europa leben Millionen von Menschen, die jeden Cent mehrmals umdrehen müssen. Niemand will sein eigenes gegen ein Leben in Armut tauschen. Die Betroffenen haben die schlechtesten Jobs, die geringsten Einkommen, die kleinsten und feuchtesten Wohnungen, sie haben die krankmachendsten Tätigkeiten, wohnen in den schlechtesten Vierteln, gehen in die am geringsten ausgestatteten Schulen, müssen fast überall länger warten – außer auf den Tod, der ereilt sie um einige Jahre früher als Angehörige der höheren Einkommensschichten. All dies ist alltägliche Realität – für mehr Menschen, als von den meisten angenommen. Sie leben am Limit, kämpfen mit dem Mangel an Möglichkeiten und leiden am Verlust existenzieller Freiheiten, der damit einhergeht.
Jede und jeder der Menschen, die in Armut leben, hat einen Namen, ein Gesicht, eine individuelle Geschichte. Einige werden auf den folgenden Seiten näher vorgestellt. Elisabeth, George, Michi, Selina... Wir kennen uns aus der Sozialberatung und aus Notunterkünften, aus der Arbeit an einer Straßenzeitung und von gemeinsamen Aktionen, von Nachhilfestunden und Schulprojekten, aus Initiativen zur Gesundheitsförderung und Selbsthilfegruppen und aus der europäischen Vernetzung von Menschen mit Armutserfahrungen.
»Ich hätte mir nie gedacht, dass mir das passiert«, hören wir immer öfter Frauen und Männer sagen, die sich »ganz unten« wiederfinden. Die Biografien der Betroffenen sind bunter, als der schnelle Blick glauben macht. Die Dauerpraktikantin mit Uni-Abschluss und der Schulabbrecher, die Alleinerzieherin mit drei kleinen Kindern, die früher als Dolmeterscherin in der Welt herumkam, und der Langzeitarbeitslose, der einmal eine Firma geleitet hat. Der junge Mann mit Depressionen, der sich in sozialen Initiativen engagiert, und die perfekt Deutsch sprechende Migrantin in der Leiharbeitsfirma. Der Freund, der sich als IchAG durchschlägt, und die – nach einem Bandscheibenvorfall des Vaters – überschuldete Familie. Ihre Geschichten sind unterschiedlich, ihre Lebensverhältnisse allesamt prekär. Kürzlich in der Beratungsstelle: eine junge Frau mit zwei Kindern, deren Einkommen so gering ist, dass sie entscheiden muss: Zahle ich die Krankenversicherung oder die Miete oder die Hefte zum Schulanfang für die Kinder.
Dass die Armut um sich greift, fällt auch jenen auf, die (noch) nicht unmittelbar von ihr betroffen sind. Drei Viertel aller EuropäerInnen geben mittlerweile an, dass die Armut in ihrem Land weit verbreitet ist. Und während aktuelle Studien zeigen, dass neun von zehn EuropäerInnen von ihren Regierungen Maßnahmen gegen Armut erwarten, wird das Fehlen politischer Maßnahmen immer deutlicher. Auch wenn es in Sonntagsreden anders klingen mag, Armut wird in Kauf genommen.
Für alle! Ungleichheit schadet, und zwar fast allen. Noch mehr Ungleichheit heißt noch mehr Krankheiten und noch geringere Lebenserwartung für Ärmere, mehr Teenager-Schwangerschaften, mehr Status-Stress, mehr Gewalt und mehr soziale Ghettos. Eine sozial polarisierte Gesellschaft bringt Nachteile nicht nur für die Ärmsten, sondern auch für die Mitte.
Es lohnt sich, im Trommelfeuer der vorgetragenen Verknappung von Mitteln, der permanenten Sparlogik und Opferrhetorik die Fülle in den Blick zu nehmen. Es lohnt sich, die ökonomischen Sachverhalte zu überprüfen, die uns als unumstößliche Wahrheit präsentiert werden. Es lohnt sich, die Produktionsstätten neualter Ideologien auszuheben, die Glück und Freiheit versprechen und soziale Polarisierung bringen. Es lohnt sich, auf die Suche danach zu gehen, was Reichtümer vermögen.
Die Finanzkrise wird abgesagt. Die soziale Krise steht aber erst vor der Tür. Während die Finanzmärkte sich wieder auf »business as usual« einstellen, soll die Bevölkerung mit Sparpaketen bezahlen, was das Finanzdesaster an Löchern in die öffentlichen Haushalte gerissen hat. Wie die Kosten der Krise verteilt werden, entscheidet über mehr oder weniger Armut in den nächsten Jahren.
Wege aus der Armut: Armut ist multidimensional und ihre Entstehung multifaktoriell. Deshalb sind auch die Instrumente zu ihrer Bekämpfung entsprechend umfassend anzulegen. Für die Reduzierung der Armut braucht es eine ganzheitliche Strategie, einen integrierten Ansatz, die Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken. Erst im Zusammenwirken entfalten Maßnahmen ihre Wirkung.
Es geht darum, die Schwächen des Sozialstaats zu korrigieren und seine Stärken zu optimieren. Es geht darum, Antworten auf die großen sozialen Herausforderungen und neuen sozialen Risiken, wie etwa prekäre Beschäftigung, Pflege, psychische Erkrankungen oder Migration, zu finden. Es geht um einen Freiheitsbegriff, der auch die Freiheit der Benachteiligten einschließt. Es geht um ein Verständnis von Autonomie, das Bedürftigkeit nicht als Gegensatz formuliert. Es geht um eine Politik des Sozialen, die Bürgerinnen und Bürger sieht, nicht Untertanen.
Wer seit vielen Jahren in sozialen Organisationen und Armutsnetzwerken engagiert ist, kennt neben den düsteren Realitäten auch die Wirkung der Arbeit sozialer Organisationen und die Erkenntnisse der Armutsforschung, die – wie einzelne BestPractice-Beispiele in einigen Ländern belegen – zeigen, dass es auch anders geht. Armut ist vermeidbar – auch in Krisenzeiten. Weniger Jobs, weniger Lohn, weniger Zukunft, weniger Sicherheit sind keine Naturereignisse, die über uns hereinbrechen. Das sollen die Analysen in diesem Buch deutlich machen.
Am Ende jedes Kapitels folgen Orientierungsvorschläge für weniger Armut. Es handelt sich um eine Art Kompass, der anzeigen soll, in welche Richtung es gehen muss. Die skizzierten Wege betreffen stets die gesellschaftliche Ebene, die gemeinschaftlichen Zusammenhänge und auch den persönlichen Kontext. Die angeführten Beispiele sind dabei zwangsläufig unvollständig.
Sie sollen zeigen, dass es Alternativen gibt, auch und gerade in Zeiten der Krise.
Dass es noch viel zu tun gibt, aber auch sehr viel, was wir tun können, damit es für alle reicht.
1. Ganz Deutschland wäre arm
»Als arm würde ich mich eigentlich nicht bezeichnen.« Elisabeth lebt mit ihren beiden Kindern in einem kleinen Häuschen am Stadtrand von Wien. Mit ihrem Einkommen von gut 800 Euro, das sich aus Sozialhilfe und Kindergeld zusammensetzt, kommt sie gerade mal so durch. »Natürlich ist es knapp, aber wir hungern nicht, und wenn die Kinder neue Sachen brauchen, bekomme ich Geld von meinen Eltern. In der Schule soll nicht auffallen, dass wir fast nichts haben. Ein Urlaub geht sich natürlich nie aus, und meine Zähne kann ich auch nicht machen lassen.«
Auf Verbesserungen gibt es so wenig Aussicht wie auf einen Job. Elisabeth hat keine Ausbildung, die Schule hat sie damals abgebrochen und vor ihrer Heirat als Verkäuferin gearbeitet. Bald kamen die Kinder – heute vier und sieben – und auch die Streitereien begannen. Meist ging es ums Geld. Ihr Mann, Herbert, wurde nach der Geburt der ersten Tochter arbeitslos, begann zu trinken, irgendwann reichte sie die Scheidung ein. Herberts Einkommen war so gering, dass Elisabeth von dem ihr und den Kindern zustehenden Unterhalt nicht existieren konnte. »Arbeit finden, ohne Ausbildung und mit zwei kleinen Kindern, das ist praktisch aussichtslos.«
Als arm will sich Elisabeth trotzdem nicht bezeichnen, »so viel Stolz hab ich noch«, meint sie, auch wenn sie im Winter oft zweimal überlegen muss, ob sie die Heizung wirklich aufdrehen kann.1
So wie Elisabeth geht es vielen. Eine von acht Personen muss in Deutschland oder Österreich mit einem Einkommen unter der Armutsgrenze auskommen. Offizielle europäische Statistiken setzen diese Grenze bei jeweils 60 Prozent des mittleren Einkommens eines Landes an. Wer über weniger verfügt, gilt als einkommensarm. Rund 80 Millionen Menschen leben in der Europäischen Union offiziell unter der Armutsgrenze. Diese Zahl entspricht in etwa der EinwohnerInnenzahl Deutschlands, dem bevölkerungsreichsten Land der EU. Man...