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Regenwürmer: Leben und Arbeit in Finsternis

Regenwürmer: Leben und Arbeit in Finsternis
Von Ludger Buse

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  • Amazon-Verkaufsrang: #587521 in Bücher
  • Veröffentlicht am: 1999-09
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • 32 Seiten

Aus der Amazon-Redaktion

Neue Zürcher Zeitung
Schauvergnügen und Bilderbluff

Sachbücher als Mittler zwischen Sehen und Verstehen

Moderne Bildsachbücher glänzen durch imposante Illustrationen und immer ausgefallenere Gestaltungen. Natürlich fasziniert attraktives Bildmaterial auf den ersten Blick. Aber was dann? Gelingt der Schritt vom Sehen zum Verstehen?

Die Welt der Kindersachbücher ist leuchtend und bunt. Ihre Titel sind eindeutig, wer etwas sucht, findet rasch und viel – garantiert mehr als in den eigenen Kindertagen. Aber warum nicht auch zusammentragen, was zu Hause im Regal für Erwachsene steht, und – begleitet von Lexika – mit Kindern anschauen? Das gemeinsame Entdecken kann alle Beteiligten befriedigen, und der Erwachsene wird zudem die Ernsthaftigkeit des fragenden Kindes neu erleben; eine wichtige Erfahrung, damit man nicht jede Show zwischen Buchdeckeln gleich als «kindgemäss» einstuft.

Spezifische Inhalte stehen hier nicht zur Debatte. Ob Mistkäfer oder Weltraumsonde, Kindern ist kein Thema zu abwegig. Bildsachbücher für Kinder und Jugendliche gleichen Kochbüchern. Immer wieder werden die fast gleichen Inhalte neu gruppiert. Marktnotwendig ist folglich eine graphische Aufbereitung, welche just dies überspielt und das «ganz Neue» in den Vordergrund rückt. Selbstverständlich darf man von Sachbüchern erwarten, dass sie sachlich zuverlässig sind, im Idealfall auf dem neusten Wissensstand. Indessen fallen einzelne Sachfehler nur bedingt ins Gewicht. Weit mehr Desinformation entsteht durch das Nebeneinander ungleichwertiger Beispiele oder das Überbetonen eines Details, nur weil es sensationelle Bildmomente abgibt.

Die kindliche Bildrezeption hat sich nicht nur durch den Einfluss des Fernsehens verändert. Internationale Sachbuchproduktionen, allen voran die Reihen des britischen Verlagsunternehmens Dorling Kindersley (in Deutschland vor allem verlegt beim Verlag Gerstenberg), haben einen Visualisierungsschub ausgelöst, der bei vielen Bildsachbüchern zu einem völligen Auseinanderklaffen der Bild- und Textebene führt.

Wimmelbilder für Weltenentdecker

Viele Bildsachbücher wollen gar nichts anderes sein als reine Schaubücher. Die umfassende Bilderwelt zwischen Buchdeckeln, in der Tradition des Orbis pictus, hat keineswegs ausgedient, wie etwa «Herders grosses Bilderlexikon» beweist. Hier kann ein Vorschulkind zuerst einmal seine Interessen entwickeln. Dann aber sind thematisch enger gefasste Bände angezeigt. Die alte Darstellungsform «Fabriken voll Heinzelmännchen» ist wieder hoch im Kurs: «Was passiert, wenn . . .?» bietet ein Sammelsurium von Schautafeln zu Elektrizität, Pizza-Herstellung, Post usw. Aber auch räumlich gezeichnete Zusammenbaupläne werden – mit Maschinisten und Arbeitern bevölkert – zu einem Bildatlas über Vehikel, Gebäude und Fertigungsabläufe. Wie genial Stephen Biesty seine absurd instruktiven Querschnitte aufbaut, zeigen am besten jene Bände, in denen er auf ein Thema beschränkt «Das Schiff» oder «Die Burg» in unzählige Schichten zerlegt und als optische Erlebniswelten ausbreitet: seltene Beweise dafür, dass sich auch Zusammenhänge illustrieren lassen, dass Bildsachbücher mehr könnten als nur «fraglose» Schaubedürfnisse befriedigen.

Eine bunte Illustration, auf durchsichtige Folie gedruckt und vor einer schwarzen Folgeseite placiert, ergibt ein nachtdunkles Bild. Sobald aber ein Stück weisses Papier zwischen die beiden Seiten geschoben wird, scheint nicht nur die hell hinterlegte Partie auf. «Licht an!» heisst die Buchreihe, die das Erkunden, zum Beispiel eines Ameisenhaufens, mit einer «papierenen Taschenlampe» erlaubt. Knappe, ebenfalls aufleuchtende Bildlegenden unterstützen das Entdecken. Ein Haupttext aber fehlt. Die Autoren gehen offensichtlich davon aus, dass Kinder im Vorschulalter nicht nach Zusammenhängen fragen.

Vielseitiger – im eigentlichen wie im übertragenen Sinn – ist die Reihe Meyers Jugendbibliothek. Mit umklappbaren Halbseiten, Formstanzungen, erhabenen Prägungen, Glanzfolien und einem integrierten Set von Selbstklebebildern versammelt jeder Band so ziemlich das ganze Spektrum, das Papiertechnik und Druckveredelung anbieten. Die Fülle der Darstellungsmöglichkeiten steht im Vordergrund, während zentrale Aspekte nur knapp behandelt werden. So steht in «Vom Leben der Pflanzen» etwa das Thema Befruchtung und Samenverbreitung auf eine Doppelseite gedrängt, während historische Gartenkunst über fünf Seiten inszeniert wird. Immerhin aber versucht diese Reihe auch bei Themen der Technik oder der Naturwissenschaft die kulturgeschichtliche Dimension einzubringen. Hinzu kommt, dass die routinierten Übersetzer Hans Peter Thiel und Marcus Würmli bildgerechte Textarbeit leisten.

Den letzten Schrei im Wettlauf um auffallende Visualisierungen liefert zurzeit «World Vision» : Um dreidimensionale Ansichten ins Buch zu bringen, hat das britische Unternehmen zum alten Mittel der stereoskopischen Photographie gegriffen. Ein Spiegelteil, rechtwinklig in der Seitenmitte eingesteckt, trennt beim Betrachten die Blickfelder der Augen und verbindet so zwei fast gleiche Aufnahmen zu einem räumlichen Eindruck. Details erscheinen (be)greifbar plastisch, mikroskopische Aufnahmen erhalten eine ungewöhnliche Schärfe. Das Hauptbild wird mittels einer kleinformatigen Wiederholung und durch Bildlegenden erläutert, wie auch eine zusätzliche Leitfrage die Betrachter in den Text lotst. Ob dadurch der Schritt von der Prima-vista-Ebene in die Information der weiteren Photos und Textchen eher gelingt? Eine offene Frage.

Die Entwicklung zum magazinartigen Kindersachbuch hat Folgen gezeitigt: den Zwang zur Doppelseite. Wo immer ein Band aufgeschlagen wird, soll ein Titel gleich das Thema benennen, ein Kurztext das Wichtigste umreissen und zum Lesen animieren. Für den Haupttext bleibt ein sehr begrenzter Raum. Und weil die Aufbereitung des Inhalts nach Doppelseiten das freie Herumstöbern begünstigt (an sich ein Vergnügen!), darf der Text kaum auf den Aussagen der vorangehenden Seiten aufbauen. So sind viele Texte entweder banal, oder sie verwenden Fachausdrücke und versuchen auf engstem Raum so viel zu sagen, dass selbst Erwachsene Mühe haben, die Aussagen wirklich zu verstehen. Man bekommt den Eindruck, als wären erzählerisch gestaltete Texte grundsätzlich unattraktiv. Dabei können auch kluge Querverweise Spannung erzeugen. Ist es Zufall, dass gerade das Thema Kunstgeschichte in den letzten Jahren überdurchschnittliche Kindersachbücher abgab? Hier nämlich finden sich Schreibende, die in der Text-Bild-Kombination denken können. Die Reihen «Mein Bild» (rororo-Rotfuchs-TB) und «Abenteuer Kunst» (Prestel) zeigen zudem, dass «Serie» nicht gleichzusetzen ist mit «banal». Themenspezifische Ausrichtung, ein versiertes Lektorat und – nicht zuletzt – ein Buchkonzept, das dem Text genügend Spielraum lässt, sind entscheidende Rahmenbedingungen.

Reihen und Einzeltitel

Entwicklungskosten für Sachbuchreihen, Honorare für spektakuläre Photos sowie kürzere Lebenszyklen von Büchern erlauben praktisch nur noch Finanzierungen durch Lizenzverkäufe. Um hier die Marktchancen zu verbessern, werden, inhaltlich oft völlig unbegründet, Beispiele aus verschiedenen Ländern durchmischt präsentiert. Hinzu kommt, dass im publikumsmässig begrenzten Kinderbuchmarkt themenspezifisch gestaltete Buchreihen eher selten sind. Üblicher ist, dass selbst die Dauerthemen Dinos, Ritter und Feuerwehr zum Nachteil der Inhalte ins gleiche Buchkonzept und Layout gezwängt werden.

Die sprichwörtliche Ausnahme bildet in diesem Fall die Reihe «Was ist Was?» (Tessloff-Verlag). Zum einen hat sich bei über 100 Bänden längst eine Fülle von Spezialthemen ergeben. Zum andern ist, entgegen aller Standardisierung im Layout, die Bewegungsfreiheit für den Text gross genug, weshalb auch immer wieder namhafte Fachleute bereit sind, die eigentlichen «Lesetexte» zu schreiben. Die Gratwanderung zwischen Normierung und Offenheit des wiederholt sanft renovierten Konzeptes darf insgesamt als Musterbeispiel gelten für die Entwicklung der «Buchreihe als Markenartikel».

Einen Gegenpol dazu bildet eine hoffnungsvoll antizyklische, höchst überzeugende Einzelveröffentlichung: das Sachbilderbuch «Regenwürmer» von Ludger Buse. Im Hauptberuf Kindergartenausstatter, hat er die Faszination der Kinder für die eigenartigen Erdarbeiter höher gewertet als die «Igitt»-Kommentare der Erwachsenen. In klarer Sprache und ohne Zusammenhänge auszublenden, berichtet er «vom Leben und Arbeiten in der Finsternis». Robert Meyer hat prägnant einfache, aber atmosphärisch gelungene Bilder gemalt. Dass Buse sich dabei seines befreiungstheologischen Kleinstverlages erinnerte und die Firma reaktivierte, passt zum Buch über die, die im stillen Weltbewegendes leisten. Vor allem aber illustriert das Thema Regenwurm, dass die scheinbar spleenige Neugierde kleiner Kinder lebenswichtige Fragen aufgreift, die ehrliche Antworten verdienen.

Hans ten Doornkaat

Claude Delafosse: In den Nestern der Insekten. Reihe «Licht an!». Meyers Kleine Kinderbibliothek, Mannheim 1998. (Reihe mit 3 Titeln; ab etwa 3 Jahren).