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Unreality

Unreality
Von Daniel P. Schenk

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  • Amazon-Verkaufsrang: #1451576 in Bücher
  • Veröffentlicht am: 2006-06-01
  • Einband: Taschenbuch
  • 96 Seiten

Aus der Amazon-Redaktion

Kurzbeschreibung
"Ich wollte ein Gefühl schaffen, keine Geschichten erzählen... Unreality für mich - das war ein Überschreiten von bisherigen Grenzen. Ein sprachliches und inhaltliches Experiment mit dem Ziel, ein Zeichen zu kreieren, was über die pure Summe der Wörter hinausgeht." So Schenk selbst über sein drittes Buchwerk. In dreizehn Kurzgeschichten stellt er damit unsere alltägliche Realität wie ein neugieriges Kind auf den Kopf und wieder zurück, nur um dann erstaunt festzustellen, dass sie auch kaputt gehen kann. Krass beleuchtete Momentaufnahmen einer verzerrten Wirklichkeit - das ist der Unrealityzyklus. Nie war das Abstrakte so greifbar, nie das Paradoxon so schlüssig. Absurd, verstörend, kafkaesk - und die Frage: Was ist schon real?

Auszug aus Unreality von Daniel P Schenk. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wimpernschlag.

Es war da, nun wieder nicht. War er verrückt? Wahrscheinlich. Kaum anders
zu erklären. Dennoch, die Erkenntnis nicht wirklich tröstend, nicht
wirklich kraftspendend.
Er fühlte sich so schwach, so erschöpft ob dem andauernden Wahnsinn der
Welt, in der er lebte. Doch er konnte sie sich nicht aussuchen. Nein,
schlimmer: Er konnte sie sich aussuchen. Nein, besser: Sie suchte sich
selbst aus.
Jeden Tag aufs Neue, manchmal jede Stunde, auch im Minutentakt, und wenn es
ihr beliebte, sogar nach jedem Wimpernschlag.

Es lag sicherlich an ihm, bestimmt, es konnte gar nicht anders sein,
darüber war er sich klar; aber ihm schauderte vor dem Gedanken, eingesperrt
zu werden wie ein Hund, als geistig gestört erklärt zu werden und die
wenige Zeit, die ihm zwischen den Wechseln blieb, in Gefangenschaft zu
verbringen. Deshalb spielte er das Maskeradenspiel mit; mittlerweile in
meisterhafter Pose.
Obwohl, wenn er sich zurückerinnerte - er erinnerte sich nur sehr ungern,
da es ihn nur noch mehr verwirrte - konnte es sogar sein, dass er schon mal
eingesperrt gewesen war.
War. Sein Lieblingswort. Denn es ist nichts, es war immer nur. Er war schon
überall gewesen.
Es gab einige Bezugspunkte, die länger hielten als andere, die sich, dem
größeren Zahnrad in einem komplexen Uhrwerk gleich langsamer drehten als
andere. Nicht alles veränderte sich auf einmal, es war fließend, ständig
die kleinen, öfters die üblichen, und manchmal die großen Dinge in seinem
Leben. Und doch war es ständig wie eine Achterbahnfahrt.
Wie lange es nun dauerte? Es dauerte schon. Ja, es dauerte. Es fehlten ihm
die Relationspunkte, um eine Aussage zu treffen, die klarer war als lang.
Zu Anfang war es kaum merklich gewesen. Eine Uhr vielleicht, ein Schlüssel,
die am falschen Ort lagen. Ein Gesicht auf der Arbeit, das er noch nie
zuvor gesehen hatte, schon seit Jahren im Betrieb arbeitete. Ein Termin,
dessen er sich sicher war - geändert. Wissen, das sich als Unwissen
entpuppte. Eigenschaften, Überzeugungen, Taten von Freunden, die über Nacht
verschwanden. Wie gefressen.
Er war lange Zeit nervös, tat es als Stress und Konzentrationsmangel in
einer stetig schneller und konzentrierter werdenden Welt ab. Vielleicht war
es das auch, vielleicht ist es das. Doch irgendwann nahm es solch eine Form
und Intensität an, dass es nicht mehr funktionierte. Dass er es, so stark
er sich auch bemühte, so tief er auch in sich einkehrte, nicht mehr als
Gespinst seines erschöpften Verstandes abtun konnte; es brach aus seinem
Kopf und ergoss sich in die Realität, in die Welt, die ihn umgab, jeglicher
Versuch, es in der Gedankenwelt gefangen zu halten, vergebens. Und die Zeit
des Unterganges hatte begonnen. Sofern es Relationspunkte wie Beginn und
Ende, Schöpfung und Untergang überhaupt noch gab. Nein, nein, nichts, es
gab nichts mehr, nichts auf der Welt mitsamt der Welt, an dem er sich hätte
orientieren können.

Er verließ die Arbeit, deren Handwerk er nie erlernt hatte. Auf dem
Parkplatz die Suche nach dem Auto, es war nicht da. Er nickte. Der Bus war
da. Doch nur für einen Augenblick, als er sich umdrehte und sich nach
jemandem unbekannten umdrehte, der ihm nachrief, war er verschwunden.
Sowohl das eine, wie auch das andere. Am Kiosk, das auf der ehemaligen
Bushaltestelle stand, kaufte er sich eine Zeitung, mit Münzen, die er noch
nie in seinem Geldbeutel gesehen hatte. Ein Foto von einem lächelnden Kind,
das er nicht kannte. Er schmiss es ärgerlich weg und betrachtete die
Zeitung. Wieder zwei Jahre vergangen. Die Stadt wurde lauter, und während
er seinen Gedanken nachhing, stellte er überrascht fest, dass er sich im
falschen Viertel befand, oh, nein, in der falschen Stadt. Er pfiff sich ein
Taxi herbei und fragte nach seiner Heimatstadt, nach der Entfernung. Er
atmete auf, es gab sie noch, und einem Wunder gleich war sie nur wenige
Kilometer entfernt. Er ließ sich direkt vor die Haustür fahren. Oh, gut, er
hatte zwei Stunden gewonnen. Möglicherweise wäre er rechtzeitig zum
Mittagessen zu Hause. Das Taxi war schon weg, ehe er bezahlen konnte.
Anstatt dessen sein Fahrrad, oder eines seiner Fahrräder, mit denen er in
letzter Zeit zu den Arbeiten gefahren war. Vielleicht in der achten
Instanz, er wusste es nicht mehr. In letzter Zeit wechselte es häufiger. Er
kam an die Haustür, testete den Schlüssel, hielt die Luft an. Er passte.
Gut. Er trat hinein, ein merkwürdiger Geruch kam ihm entgegen, einen, den
er noch nie zuvor gerochen hatte. Eine fremde Frau stand am Herd, kochte
geschäftig an mehreren Töpfen. Dampf, der aufstieg.
"Hallo Schatz! Und, wie war die Arbeit?"
Er nickte, nicht ohne Kloß im Hals. "Danke, ganz gut soweit." Er hatte
seine Frau geliebt, und nach dem Verlust seiner Kinder, seiner richtigen
Arbeit, seiner Eltern, war sie mit das letzte gewesen, das beständig
gehalten hatte. Obwohl... war sie nicht auch schon die zweite, dritte,
vierte Instanz?
"Was ist denn mit dir los, Liebling?" Sie setzte sich auf den Stuhl neben
ihn. Die neue Einrichtung der Küche sah gut aus, sehr geschmackvoll. Die
Würstchen brutzelten appetitlich in ihrer Pfanne. Fett, das spritzte.
"Nichts, nichts. Ich bin nur - müde. Sehr müde."
Sie sah ihn besorgt an. "Du benimmst dich merkwürdig in letzter Zeit,
Schatz. Als seiest du abwesend."
"Ja..."
Der Braten duftete herrlich. Luft, die vor dem heißen Ofen flackerte.
Sie nahm seine Hand. Schade. Den Ehering hätte man ihr wenigstens lassen
können. Der hier hatte nichts vom Stil des alten. "Ich mache mir ernsthaft
Sorgen. Vielleicht solltest du dir helfen lassen."
Er lächelte schwach. "Ja, ich gehe gleich morgen mal zum Arzt."
Sie hielten lange. Möglicherweise lohnte es sich, Energie und Liebe
hineinzustecken und noch genug Zeit zu haben, Energie und Liebe wieder zu
ernten, bevor sie ausbrannte.
Eindringliche Blicke. "Verspricht du's mir Liebling? Und bei der
Gelegenheit - stell doch die Sache mit deinem Chef klar, er hat schon
mehrmals angerufen und gefragt, ob es dir in letzter Zeit nicht gut
ginge."
"Ich stelle alles klar. Ich werde alles klar stellen. Gleich morgen."
Ihr Gesicht heiterte sich auf, sie gab ihm einen wilden, freudigen Kuss.
"Danke Schatz! Ich will doch nichts anderes, als dass es dir gut geht. Und
jetzt lass uns essen. Ich habe uns eine gute Suppe gekocht!" Sie stand auf
und ging zur Herdplatte.
Für einen kurzen Moment fühlte er sich gut, fast schon zuversichtlich,
betrachtete neugierig das interessante Muster auf dem Esstisch.
Afrikanisch, keine Frage. Vielleicht gab es doch noch -
Als sie sich umdrehte, wusste er, dass er sich niemals wieder gut fühlen
würde, niemals erneut zuversichtlich.
Sie sah nicht schlechter aus, auf keinen Fall, nicht dicker, nicht älter.
Nur ein schwacher Trost. Fremde Augen. Sie lächelte ihn mit demselben
Lächeln an, wenigstens das. Ein Auflauf, der aus der Form dampfte. "Lass
uns essen!"
"Ja, gleich." Er stand geistesabwesend auf. Die sorgenvolle Blicke der Frau
sah er gar nicht, oder ignorierte sie. Gleiches Resultat.
"Wo gehst du denn hin, Schatz?"
Er holte einen Mantel von der Garderobe, der ihm zu passen schien. "Nur ein
wenig spazieren, Liebes, nur ein wenig spazieren."
Es gab nichts mehr, nichts. Er würde verloren gehen. Keine Kraft mehr.
Er könnte - obwohl. Nein. Einen Bezugspunkt gab es noch. Das wurde ihm
schlagartig klar. Einen Bezugspunkt in seiner jämmerlichen Existenz, im
sturmgepeitschten Raum, an dem er sich halten konnte, halten würde. Nein;
hielt. Und das schon die ganze Zeit. Auch, wenn es ihm erst jetzt bewusst
wurde. Ja, vielleicht gäbe es doch noch Hoffnung, vielleicht gäbe es doch
noch -
Er blieb stehen. Starrte überrascht hinein. Ein erschrockenes Lächeln,
nicht von dieser Welt. Auch, wenn es schwer vorstellbar erschien, aber: Er
hatte noch nie hineingeblickt. Seit dieser Zeit. Oder vielleicht hatte er
es schon wieder vergessen, verdrängt ob der Erkenntnis, die daraus
resultieren mochte. Der Spiegel an der Garderobe. Er schüttelte den Kopf,
und erkannte, wie die Dinge lagen. Er, der Narr.
Er zog sich seinen Mantel an, verließ energisch das Haus und kehrte niemals
wieder.