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Fleisch und Stein: Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation (suhrkamp taschenbuch)

Fleisch und Stein: Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation (suhrkamp taschenbuch)
Von Richard Sennett

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  • Amazon-Verkaufsrang: #320412 in Bücher
  • Veröffentlicht am: 1997-03-24
  • Einband: Taschenbuch
  • 528 Seiten

Aus der Amazon-Redaktion

Neue Zürcher Zeitung
Lesezeichen

Lob der Differenz, Last des Mitleids

Richard Sennetts «Fleisch und Stein»

«Die Tyrannei der Intimität»: Noch ist die Begriffsprägung, mit der Richard Sennett zu einer Zelebrität der transatlantischen intellectual community wurde, nicht aus dem aktiven Wortschatz verschwunden. In der griffigen Wendung verschafft sich ein während der siebziger Jahre aufkeimendes Unbehagen an der Kultur der Psychologisierung Luft. Gesellschaft, so damals die Klage des New Yorker Soziologen, werde weithin für bedeutsam nur noch in dem Masse gehalten, wie sie sich in ein «riesiges psychisches System» verwandeln lasse.

Verbreite sich aber der Code der Intimität über die Grenzen des Privaten hinaus, setze der Verfall des öffentlichen Lebens ein, des gesellschaftlichen wie des politischen. Wer von dem Drang nach «Authentizität» beseelt sei und das Eigenste zum Eigentlichen auch der Sphäre des Öffentlichen erhebe, ebne einer Rückkehr ins Stammesleben den Weg.

Grossstadt als Schule

In der Zerstörung der prekären Balance zwischen Privatheit und Öffentlichkeit sieht Sennett näherhin die Ursache für eine doppelte Realitätsblindheit. Die Überwucherung des Gemeinwesens, der res publica, durch private Stimmungen verstelle den Blick für die Machtverhältnisse und für den architektonischen Raum, in dem sich unser Leben abspiele. Doch die Städter, scheint es, gehen bereits in die Schule, die es braucht, um die Misere zu überwinden. Es gelte lediglich, die «zivilisatorische Kraft» zu entbinden, die die Stadt berge. Eine Vision deutet Sennett zum Schluss seiner einflussreichen Studie an: «Die Stadt sollte eine Schule des Handelns sein, das Forum, auf dem es sinnvoll wird, anderen Menschen zu begegnen, ohne dass gleich der zwanghafte Wunsch hinzuträte, sie als Personen kennenzulernen.»

Zwischen der Distanzlosigkeit zwanghafter Pseudointimität und der Abschottung aneinander vorbeistrebender Ichlinge soll es also ein Drittes geben. Das freilich will nicht leicht gedeihen. Ängste, von denen Sennett aller Reserve gegenüber den Segnungen der Seelenzergliederung zum Trotz unbefangen spricht, verhindern es. Eine Angst ist die vor der Anonymität; sie speist die Sehnsucht nach Gemeinschaft. Eine andere, im Grunde gegenläufige, ist die Angst, sich zu exponieren, sich ungesicherten Begegnungen mit Fremden und Fremdem auszusetzen; sie arbeitet einer Tendenz zur Neutralisierung der öffentlichen Räume in die Hände, wie sie sich in der sterilen Ödnis so mancher Grossstadtarchitektur zur Schau stellt.

So zumindest bietet sich die Szenerie dem um Thesenverknüpfung bemühten Leser des Nachfolgewerks dar, in dem jene Vision ausgeführt ist: «The Conscience of the Eye. The Design and Social Life of Cities» (1990), auf deutsch unter dem Titel «Civitas. Die Grossstadt und die Kultur des Unterschieds» (1991) erschienen. Die Kunst der «Selbstpreisgabe» setzt Sennett auf den Stundenplan der Grossstadtschule, da sie den Unterschied zu kultivieren lehre.

Dies Motiv, die Differenzbereitschaft zu fördern, spielt auch noch in des Soziologen neuestem Buch eine tragende Rolle. Doch, wie es scheint, ist die Rolle nicht mehr ganz dieselbe. Soziale wie kulturelle Differenzen, so die Diagnose, stehen in der Gefahr, sich zu verfestigen und das «Interesse am Anderen» verdorren zu lassen. Differenzbewusste Toleranz allein, dies darf man wohl folgern, genügt nicht. Multikulturalität – um das Reizwort zu gebrauchen – ist langfristig auf mehr, sie ist auf Anerkennung der anderen in ihrer Eigenart angewiesen; ja sogar auf «Sympathie». Woher aber, fragt Sennett, sollte «gesellschaftliches Mitleid» kommen? Auf den Willen, und sei er der gute, ist kein Verlass.

Tiefer muss in die Menschen eingesenkt sein, was sie, notfalls auch gegen ihren Willen, aneinander bindet. Ihre Leiblichkeit soll es sein, die die soziale Bande schafft: die körperliche Existenz und, besonders, der körperliche Schmerz. Der eigene Schmerz, liest man auf der letzten Seite des Buches, mache empfindlich «für Schmerzen, die auf der Strasse präsent sind»: «der den Schmerz anerkennende Körper ist bereit, ein gesellschaftlicher Körper zu werden».

Motivwandel

Es ist gewiss nicht zuviel spekuliert, wenn man gesellschaftspolitische Probleme für die markante Akzentverschiebung verantwortlich macht. Zumal in den USA ist das Lob der Differenz in diverse rechtlich zum Teil abgestützte «Identitätspolitiken» eingemündet. Das soziale Klima verschärft sich in dem Masse, wie die kulturellen Unterschiede sich gruppenförmig verhärten. Sennett wirbt für Öffnung und Verständigung, ohne universelle Verstehbarkeit zu suggerieren.

Soweit das Motiv und sein Wandel. Das Ohr am Puls der Zeit und der Theoriemoden, hat Richard Sennett einen voluminösen kulturhistorischen Essay geschrieben, der der Beziehung von «Fleisch und Stein», vulgo: Körper und Stadt, in der «westlichen Zivilisation» nachgeht. Leichtfüssig flaniert er durchs perikleische Athen und durch das Rom Hadrians, durchstreift er das mittelalterliche Paris und das Venedig der Renaissance, bis er schliesslich, das Paris der Französischen Revolution und das London des 19. Jahrhunderts liegen unterdessen auch hinter ihm, im heimatlichen New York, genauer: in Greenwich Village ankommt – dem Ort, an dem «vielleicht das Beste, was wir erreichen können», erreicht ist. Gemeint ist ein Leben mit der Differenz, das zugleich dem nahekommen könnte, was Emmanuel Lévinas «Nicht-Indifferenz» nannte.

Die weitläufigen Exkursionen unternimmt er als «begeisterter Laie» (er ist kein gelernter Historiker). Obgleich mit dieser Selbstbezichtigung nach Komplimenten fischend, trifft Sennett damit doch den Nerv des Buches. Den des Lesers strapaziert er durch die Vagheit der die Ausflüge leitenden These. Im Buchtitel ist die Vagheit immerhin präzis formuliert: «Fleisch und Stein». Um das Und dreht sich alles; manches freilich in sehr grosser Entfernung. Urbane Räume, so die schwer zu widerlegende Behauptung, nähmen durch die Weise Gestalt an, wie die Menschen ihren eigenen Körper erfahren. Und diese Erfahrung sei von den in der Geschichte der westlichen Zivilisation vorherrschenden «Leitbildern des Körpers» präformiert, manipuliert worden.

Stets seien Ganzheit des Körpers und seine Einheit mit der sozialen und architektonischen Umgebung imaginiert und verordnet worden. «Dissonanz und Inkohärenz» seien nicht zugelassen gewesen, Schmerz und Leiden sozialer Kontrolle unterworfen und also geleugnet worden. An Gegenentwürfen allerdings fehle es in unserer Kultur hinwiederum auch nicht. Das «feierliche Versprechen», dem leidenden Körper beizustehen, hat in Sennetts Augen unter anderem das Christentum abgegeben, wenn auch nicht zu halten vermocht. (Anders als in «Civitas» schneidet das Christentum also nicht nur schlecht ab.)

Niedriges Thesenprofil

Und so geht es weiter, bis das Thesenprofil sich gefällig in einem Einerseits-Andererseits auflöst: «Die Stadt hat als Stätte der Macht gedient, ihre Räume wurden im Bild des Menschen zu einem kohärenten Ganzen gemacht. Die Stadt war auch der Raum, in dem diese Leitbilder auseinandergebrochen sind.» Kultur ist eben widersprüchlich.

Gewiss, gerecht ist solche Lektüre nicht. Schliesslich bietet «Fleisch und Stein» abschnittweise grossen Lesegenuss. Die rühmenswerte soziale Phantasie des Autors und seine respekteinflössende, gelegentlich aber auch zufällig zugreifende Belesenheit entführen uns, wie man sagt, in die Vergangenheit. Wer nicht (zufällig) schon die Arbeiten kennt, aus denen Sennett seine Kenntnisse bezieht, kann, beispielsweise, etwas über antike Körperlehren lernen (Männer haben warme, Frauen kalte Körper) und darüber, wie das Körperideal des nackten Mannes nicht nur gender troubles verursachte, sondern auch die Politik der griechischen Polis beeinflusste; oder über den römischen «Glauben an die Körpergeometrie» und seine Auswirkungen auf die Stadtplanung; oder über den Ausschlussmechanismus, in den die christliche Fürsorge für den gepeinigten Körper abglitt, als die venezianischen Juden ins Ghetto gesperrt wurden.

Oder – und das ist vielleicht am anregendsten, weil kulturgeschichtlich noch am wenigsten ausgestanden – über die Geburtshilfe, die William Harveys «Entdeckung» des Blutkreislaufs bei der Geburt des modernen Kapitalismus und Individualismus leistete. Hier verliert die These «Fleisch und Stein» merklich an Beliebigkeit. Die Metaphorik von Arterien und Venen bemächtigt sich im 18. Jahrhundert der Stadtplanung. Das Leitbild des Raum und Zeit aktiv: reibungslos und ungesäumt, durcheilenden individuellen Körpers gewinnt Kontur. Der Triumph bleibt ihm indes versagt. Bereits die Massenchoreographien im revolutionären Paris nehmen laut Sennett moderne Formen von «individueller Passivität und Unempfindlichkeit» vorweg.

Doch auch dort, wo These und «historisches Material» einander wechselseitig erläutern, lässt Sennett das nötige Methodenbewusstsein vermissen. Welche Korrespondenzen zwischen «Zirkulation» als «medizinischem und ökonomischem Wert» einerseits und der Praxis und Ethik sozialer «Indifferenz» andererseits hat er im Sinn? Was verbindet und wie Fleisch und Stein? Walten da Kausalitäten? Oder bloss Analogien? Was sind «Leitbilder»; ist das etwas «Geistiges» oder nicht doch auch schon etwas «Körperliches»? Mag sein, dass sich hier Schwierigkeiten einer jeden Kulturgeschichte melden, die nicht auf materialistische «Ableitungen» setzt.

Mag aber auch sein, dass der Autor die Arbeit am Begriff scheut. Die überraschende Schlusssequenz, von der bereits die Rede war, zerstreut diesen Verdacht nicht. Unversehens kehrt der Gesellschaftskritiker zu guter Letzt den Theologen hervor. Die Anerkennung des Schmerzes und die Hinwendung zu den anderen gehen für Sennett gelingenden Falls mit der Einsicht einher, dass es für den an seiner Leiblichkeit (Endlichkeit?) leidenden Menschen kein irdisches Heilmittel gebe: «dass sein Schmerz sich von Gottes Gebot an die Menschen ableitet, als Verbannte zusammenzuleben». Ist das – so stehengelassen – mehr und anderes als Kryptotheologie?

Wer sich an alledem nicht oder wenig stört, wird bei der Lektüre auf seine Kosten kommen können. Gleichwohl: die Minimierung des Thesenprofils, ist sie wirklich der Tribut, den «Sachbuchautoren» zu entrichten haben, die den Elfenbeinturm (gäbe es ihn doch wenigstens) verlassen, die in den heiligen Hallen der Alma mater nicht wie im Laufställchen ihr intellektuelles Dasein fristen möchten? Der Kritiker mag es nicht glauben.

Uwe Justus Wenzel

Kurzbeschreibung
Fleisch und Stein ist eine neue Geschichte der Stadt in der westlichen Kultur. Ihr Thema ist das Verhältnis des Steins, der Gebäude und Straßen, zum Fleisch, zu den Menschen und ihren Bedürfnissen.'Fleisch und Stein' ist eine neue Geschichte der Stadt in der westlichen Kultur. Ihr Thema ist das Verhältnis des Steins, der Gebäude und Straßen, zum Fleisch, zu den Menschen und ihren Bedürfnissen. Richard Sennett geht dabei von sehr einfachen Fragen aus: Was bedeutet der Schutz der Mauern für die Einwohner der Stadt? Wie bilden sich Sehnsüchte und Bedürfnisse der Menschen in ihren Bauten ab? Die körperliche Erfahrung der Menschen hat die Geschichte der Stadt bestimmt: wie Frauen und Männer sich in den Straßen bewegten, was sie gesehen und gehört haben, wo sie aßen, wie sie sich kleideten, wann sie sich wuschen und wo sie sich liebten.

Über den Autor
Richard Sennett, geboren 1943, wuchs in Cabrini Green, einem Armenviertel von Chicago, auf. Er versuchte den sozialen Aufstieg aus dieser von ihm später als eng und bedrohlich beschriebenen Welt zunächst über die Musik und lernte in jungen Jahren Cello, komponierte und hatte Erfolge bei öffentlichen Auftritten. Das Studium der Musikwissenschaften und des Violoncello in New York musste er aufgrund einer fehlgeschlagenen Operation an seiner linken Hand aufgeben. Daraufhin studierte er zunächst bei David Riesman in Chicago, dann bei Talcott Parsons in Harvard Soziologie und später Geschichte. Nach der Promotion 1964 forschte und lehrte er unter anderem in Harvard, Yale, Rom und Washington. 1998 erhielt Sennett den Premio Amalfi, 2006 wurde er mit dem Stuttgarter Hegel-Preis ausgezeichnet.
Sennetts Hauptthemen sind die Vereinzelung, Orientierungslosigkeit und Ohnmacht moderner Individuen, die Oberflächlichkeit und Instabilität zwischenmenschlicher Beziehungen sowie die Ausübung von Herrschaft. Vor allem in seinen Frühwerken bleibt er der Stadt seiner Kindheit und den in ihr gemachten Erfahrungen stark verhaftet. Die hohe Aktualität seiner Themen und sein eingängiger, essayistischer Stil ließen seine Bücher zu Bestsellern avancieren.
Richard Sennett lebt in London