Philosophie in Bildern
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- Veröffentlicht am: 2000
- Einband: Broschiert
Aus der Amazon-Redaktion
Neue Zürcher Zeitung
Ceci n'est pas un philosophe
Reinhard Brandt lässt Gemälde sprechen
Von Ursula Pia Jauch
Unter der Akzessionsnummer 2974 rubriziert das Museo del Prado ein Bild von mittlerem Format, das die Aufmerksamkeit der Kunsthistoriker bislang nicht zu erregen vermochte. Das «Sujet» ist wohl zu gewöhnlich für die Zeit. Es zeigt einen bärtigen Mann in seinem Studierzimmer, den Kopf in klassischer Melancholiehaltung in die linke Hand gestützt, vor ihm liegt ein offenes Manuskript, in das er seine Sätze schreibt. In einer Nische im Hintergrund Vanitas-Motive, Totenschädel, Stundenglas, Kruzifix. Der Prado-Führer notiert die Existenz des Bildes knapp im Anhang; Un Filósofo , 1635 gemalt vom niederländischen Genremaler Salomon Koninck. Was spricht gegen das Bild? Das Thema des abgeklärten Weisen ist doch tiefsinnig, das Bild gut gemalt, im Rembrandtstil und durchaus museumswürdig. Ist es zu trübsinnig? Zu wenig originell? Der Blick, den der Weise auf seinen solitären Betrachter wirft, ist allzu bekannt – Eitelkeit, Vergänglichkeit. Bald sind wir alle tot.
KUNST-WERK – DENK-STÜCK
Der seit bald dreissig Jahren in Marburg lehrende Kant-Spezialist Reinhard Brandt hat sich dennoch für diesen einsamen Denker erwärmen können und ihm mehr als nur einen Augen-Blick gewidmet. Brandt gehört zu jenen im akademischen Raum nicht (mehr) allzu häufig anzutreffenden Philosophen, die ihr differenziertes Wissen nicht in die engen Grenzen einer «Disziplin» einschliessen. Ausflüge in Kunstgeschichte und Ästhetik sind ihm Pläsier und Anliegen zugleich. Ohne Berührungsängste überwindet der Philosoph den vermeintlichen Graben zwischen den Kulturen; das Kunstwerk ist ihm ein Denkwerk, das Denkwerk soll (auch) Kunst-Stück sein.
Dass sich «Philosophie in Bildern» – so der Titel dieses überaus anregenden Buches – niederschlägt, scheint selbstverständlich zu sein. Und doch. Wie oft laufen Kunsthistoriker und Philosophen, angetan mit den Scheuklappen ihres jeweiligen Faches, nebeneinander her und versuchen, mit ungleichem Werkzeug den nämlichen Gegenstand aufzuspiessen – den «Sinn», die «Bedeutung». In einem programmatischen Vorwort (das man sich gut auch im Curriculum der mit Bildern überversorgten Kunststudierenden vorstellen kann) fixiert Brandt den Brückenschlag zwischen Denken und Schauen. Skeptisch wendet er sich gegen einen apriorischen Erkenntnis- und Philosophiebegriff und adressiert sich, statt an die «reinen» Philosophen, an jene «natürliche Klientel», die ihren Sinnen traut und die «Malbarkeit der Gedanken» durchaus nicht für ein abstruses Unternehmen hält.
Im Übrigen brauche man nur an ein verschüttetes Wissen zu erinnern. Renaissance und Barock haben den pictor doctus gekannt, Gemälde von stupender Gelehrsamkeit sind entstanden, welche nicht im seelischen Binnenraum des Betrachters zu «interpretieren», sondern mit Weltwissen und Sachkenntnis zu de chiffrieren waren. Mit einem leisen Seitenhieb gegen die zeitgenössi sche Kunstszene wird daran erinnert, dass grosse Maler auch be deutende Denker sein können. Michelangelos Wort – «si pinge col cervello, non colla mano» – ist nicht in die Jahre gekommen.
So ist auch das vermeintlich unorigi nelle Philosophenporträt von 1635 ein ins Bild gesetzter Gedanke, dessen dichten Symbolismus Brandt minuziös entziffert. Der sich hinter der Denkermaske verbergende Weltflüchtling beschreibt trotz allem doch nur «leere» Seiten – einen Berg Papier, der sich im Jetzt zwar häuft, dann aber ebenso verloren gehen wird wie die Menschen, die einst ihr Leben in ihn einschrieben. Nutzlos gewordene Werke, Ansammlungen von Zeichen und Bedeutungen stapeln sich vor dem Globus im Hintergrund und versperren die Sicht auf die Welt. Auch das Schreiben kann das Leben nicht vor der Vernichtung hüten. Zur durchdachten Bildkomposition gehört schliesslich die Unausweichlichkeit der Botschaft: Die Augen der Totenmaske ruhen auf dem Eremiten, der den Tod aber nicht sieht, weil seine Augen auf denjenigen gerichtet sind, der das Gemälde betrachtet. Mit den sich kreuzenden Blicken wird der Betrachter gewaltsam ins Bild hineingezogen, und zugleich werden die Rollen getauscht. Das Bild «denkt» sich mit seiner düsteren Botschaft vom Ende aller Dinge in den Kopf des Betrachters hinein.
LACHT DEMOKRIT?
Ganz anders dagegen ein Philosophenporträt von Jean-Baptiste-Siméon Chardin von 1734. Es zeigt einen ganz anderen, sanguinischen, der Welt zugewandten Weisen – obwohl es frappierend ähnlich komponiert ist wie Konincks «Filósofo» hundert Jahre zuvor. Nun aber sind die in der Hintergrundnische liegenden Gerätschaften weltliche Dinge; Krüge, Töpfe, Gebrauchsgegenstände eines bürgerlichen Hauswesens. Das zwischen Tinte und Federkiel stehende Stundenglas misst nicht die ablaufende Lebenszeit, sondern die Zeit, die sich der Leser zwischen anderen Tätigkeiten für die Lektüre genommen hat.
Chardins Philosoph ist mit den Augen ganz in sein Buch versunken (das vom Format und vom gedrängten Schriftbild her durchaus ein Band von Bayles Dictionnaire sein könnte); hier handelt es sich nicht mehr um «leere» Seiten, sondern um ein Wissen, das zur Weltaneignung führen soll. Der Betrachter bleibt draussen, etwas nüchtern und temperiert. Vor seinen Augen freilich spielt sich ein Bild ab von der konzentrierten Aufmerksamkeit im Binnenraum des Bewusstseins. Wer sich völlig in eine Sache versenkt, ist höchst bewusst und selbstvergessen zugleich. Lockes Essay mag da im Hintergrund mitschweben.
Eine besonders reizvolle Gegenüberstellung gelingt Brandt mit der ikono-philosophischen Befragung zweier Figuren im seelischen Ausnahmezustand – der «lachende» Demokrit, der «weinende» Heraklit. Sie sind gleichsam die Prototypen des ins Bild gegossenen Philosophen, jedermann meint sie zu kennen. Aber lacht Demokrit wirklich? Und was sind seine Gründe? Die Tränen des Heraklit? Eine physiologische Ableitung seiner Lehre, wonach «alles fliesst»? Dass der Leser hier statt «Meinungen» und kunstgeschichtlicher on-dits zunächst auf achtzehn Seiten die Resultate eines sorgfältigen philosophischen Quellenstudiums erhält, bevor zur Bildbetrachtung geschritten wird, gehört zu den Qualitäten dieses aussergewöhnlichen Buches. Aus der – vermeintlich behäbigen – Gelehrsamkeit entspringt danach, in der Anschauung, ein frappierender Erkenntnis-Mehrwert. Der instruierte Leser betrachtet das ganz zum Schluss des Kapitels analysierte Doppelporträt Heraklit/Demokrit von Rubens anders; mit buchstäblich geöffneten Augen. Diderot hatte in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mit einigem Spott darauf hingewiesen, dass, wer nur mit den Augen sieht, sehr wohl auch blind sein kann. Man möchte hinzusetzen (und sehr, sehr diskret tönt Brandt das auch an), dass diese Form von Blindheit gerade bei jenem Teil der zeitgenössischen Kunstszene, die von einer visuellen Entfesselungsorgie zur nächsten taumelt, weit verbreitet ist.
SUBSTANZ, SCHELTE
Aber Mäkeln ist das Anliegen dieses Denk-Bilder-Buches durchaus nicht. Statt Schelte ist da Substanz. Gleichsam als Nebenprodukt dieser glücklichen Legierung von Philosophie und Kunstgeschichte kann Brandt für zentrale Gemälde der europäischen Tradition überraschende Neuinterpretationen vorschlagen (etwa bei Raffaels «Schule von Athen», bei Velázquez' «Las Meninas», bei Jacques-Louis Davids «Tod des Sokrates»). Dass eine «Philosophie in Bildern» besonders fruchtbar wird etwa bei den Surrealisten, überrascht nicht. Dennoch ist Brandts Lektion über Magrittes «Les vacances de Hegel» (1958) ein erkenntnistheoretisches Kabinettstück, weit weg von anschauungsfernen Logikvorlesungen in schlecht gelüfteten Hörsälen. Der Leser begreift schnell. Und hätte weitere Bild-Vorschläge (vielleicht auch einige mit/von Frauen, etwa Rosemarie Trockels Strickbild «cogito ergo sum» von 1988).
Einzig der Dumont-Verlag hat nichts begriffen. Das Haus, das mit einer Rubrik «Edle Bücher» prangt und auch sonst fast jeden Künstler und jede Teetassensammlung in einen Prachtband zu giessen vermag, hat sich hier nur verschmierte Grautöne, ein schläfriges Lektorat und eine kümmerliche Pappbindung abringen können. Ceci n'est pas un livre. So kann man wohl nur mit Philosophen umspringen. Dass der Autor in der Vorrede dem Verlag für «Mut und Engagement» dankt, ist wohl eine der subtilen Ironien, die sich auch andernorts im Band finden.
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 17.03.2001
Ein überaus anregendes Buch, findet die Rezensentin. Dem Autor, so schreibt Ursula Pia Jauch, gelinge mit diesem "Denk-Bilder-Buch" der Brückenschlag zwischen Denken und Schauen auf eine Art, die dem Leser buchstäblich die Augen öffne. Für die vorgeführte "ikono-philosophische Befragung" der Bildkunstwerke ist sie nicht zuletzt deshalb so dankbar, weil der Autor statt "Meinungen" und kunstgeschichtlicher on-dits mitunter erst einmal ausführlich die Resultate eines sorgfältigen philosophischen Quellenstudiums präsentiert, bevor er sich dem Bild zuwendet. Dass dabei auch die eine oder andre Neuinterpretation eines zentralen Gemäldes der europäischen Tradition zustande kommt, hält Jauch für das I-Tüpfelchen eines Bandes, dem sie ein aufmerksameres Lektorat und eine weniger kümmerliche Ausstattung nur allzu gerne gewünscht hätte.
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Autorenporträt
Reinhard Brandt, Jahrgang 1937, ist Professor für Philosophie in Marburg und hat zahlreiche Arbeiten insbesondere zu Kant und zur Philosophie der Aufklärung veröffentlicht.
