Hinter Gittern. Der Frauenknast 28. Die Geschichte der Melanie Schmidt
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Produktinformation
- Amazon-Verkaufsrang: #379723 in Bücher
- Veröffentlicht am: 2003
- Einband: Taschenbuch
- 240 Seiten
Aus der Amazon-Redaktion
Klappentext
Melanie Schmidt sitzt wegen Raubes in Reutlitz. Bis zu ihrer Verurteilung hat sie schon eine beachtliche Karriere als Kriminelle gemacht. Kein Wunder bei ihrer Herkunft! Von ihrer Mutter, einer Alkoholikerin, wurde sie seit frühester Kindheit vernachlässigt. Melanie litt unter der fehlenden Nestwärme und verbarg ihre Gefühle hinter ihrer großen Klappe – keiner sollte wissen, wie es in ihr aussah. Das änderte sich, als Norbert, ihr Stiefvater, einzog. Endlich kümmerte sich jemand um Mel. Norbert machte regelmäßig Frühstück, brachte sie ins Bett und kaufte ihr coole Klamotten. Ihm vertraute Melanie – bis zu ihrem elften Geburtstag, als er sie brutal vergewaltigte ...
Auszug aus Hinter Gittern. Der Frauenknast 28. Die Geschichte der Melanie Schmidt. von Adele Menn. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Kapitel 6
Melanie Schmidt wurde am 1.11.1971 um 21.48 Uhr in Berlin-Neukölln geboren. Vier
Monate zuvor war der berühmte Jazzmusiker Louis Armstrong gestorben und genau
elf Tage zuvor hatte Willy Brandt in Oslo für seine Entspannungspolitik den
Friedensnobelpreis erhalten.
Vom Geist beider Männer hatte das kleine Mädchen etwas mitbekommen. Von Satchmo
die große Liebe zur Musik und von Willy Brandt die Fähigkeit, ihren Willen auch
gegen Widerstände durchzusetzen.
Als sie an diesem grauen Novembertag als winziges Wesen im Arm ihrer Mutter
ruhte, konnte noch niemand ahnen, wie sich das Baby später entwickeln würde. Und
dass aus diesem zierlichen Wesen eine gefährliche Kriminelle werden würde.
Als Helga nach dem Namen des Kindes gefragt wurde, sagte sie gleich „Melanie“.
Das hatte Günter gewollt, weil seine Großmutter so geheißen hatte. Und was
Günter wollte, war für Helga Programm. Gegenwehr hatte ohnehin keinen Sinn. Also
tat sie einfach was er wollte. Den Frust über ihre Situation hatte sie sich von
der Seele getrunken. Sie hatte nicht mehr gelacht und nicht mehr geweint. Sie
hatte nur noch funktioniert.
Und doch spürte sie jetzt Freude, als sie auf ihr Töchterchen sah. Das hatte sie
ganz alleine geschafft. Sie hatte ein gesundes kleines Mädchen zur Welt
gebracht. Zwar war sie erschöpft, aber zum ersten Mal seit Monaten hatte wieder
ein Gefühl zu ihr durchdringen können, das sie schon fast vergessen hatte. War
dieses Kind nicht wert, das eigene Leben noch einmal zu überdenken? Wusste sie
nicht selbst am besten, wie sehr man auf gute Eltern angewiesen war?
Helga lächelte ihre kleine Tochter an. Sie weinte und lächelte gleichzeitig.
Gefühle, die sie so lange nicht gespürt hatte, kamen zurück. Stolz, Glück und
Liebe zu diesem kleinen Wesen.
Für ihre Melanie würde sie ihr Leben ändern. Das nahm Helga sich ganz fest vor.
Als sie eine Woche später nach Hause durfte, fiel sie allerdings ganz schnell
wieder in ihre alte Rolle. Zu sehr wuchsen Günter und der Stress zwischen
Arbeit, Haushalt und Kinderbett ihr über den Kopf.
Günter hatte darauf bestanden, dass Helga gleich wieder arbeiten ging. Melanie,
das hatte er arrangiert, wurde solange von einer Nachbarin versorgt, die selbst
fünf Kinder hatte.
Als Helga zum ersten Mal nach der Geburt wieder an ihrem Arbeitsplatz in der
schmutzigen lauten Fabrikhalle saß, hatte sie das Gefühl, als könne sie den
wunderbaren Babygeruch ihrer Tochter noch riechen. Wie furchtbar, dass dieses
kleine Wesen inmitten einer fremden Kindermeute aufbewahrt wurde, wie ein Koffer
in der Gepäckaufbewahrung am Bahnhof.
Was war sie nur für eine Mutter, dass sie sich nicht selbst um ihr Kind
kümmerte! Mechanisch setzte Helga ein Schloss nach dem anderen zusammen. In
Gedanken war sie weit weg, bei Melanie. Sie kannte diese Nachbarsfamilie doch
praktisch gar nicht. Sicher, man war sich manchmal im Treppenhaus begegnet und
die Kinder der Korrittkes wirkten immer ordentlich und nett. Aber so hatte sie
als Kind sicher auch auf andere gewirkt und es war ihr ganz und gar nicht gut
gegangen.
Hoffentlich hatte Melanie es in der fremden Familie gut.
Sie war eine Rabenmutter!
Das schlechte Gewissen trieb sie mit ihrem Flachmann auf die Toilette.
Nachdem Helga in der Pause ihren zweiten Flachmann geleert hatte, fand sie zu
der Überzeugung, dass sie mit Günter reden musste. Seine Werkstatt lief doch
schon ganz gut. Wenn sie sich ein bisschen einschränkten, würden sein Einkommen
schon ausreichen.
Gut, Günter würde nicht mehr jeden Abend in die Kneipe gehen können, aber wenn
sie ihn wieder mehr für den sexuellen Teil ihrer Ehe begeistern könnte, würde er
das vielleicht gar nicht wollen.
Als Helga am späten Nachmittag nach etlichen weiteren Schlucken aus der
Schnapsflasche aus der Fabrik nach Hause kam, holte sie zuerst Melanie bei den
Nachbarn ab. Sie badete und fütterte die Kleine und legte sie zum Schlafen in
das große Ehebett. Sie selbst wollte sich nur schnell die Haare waschen und
aufdrehen, um nachher schön für Günter zu sein und sich dann einen Moment zu
ihrer Kleinen legen und ihre Nähe genießen, bevor Günter nach Hause kam.
Routinemäßig griff Helga zunächst zu dem „Ölkanister“ unter der Spüle und
genehmigte sich einen ordentlichen Schluck. Außerdem füllte sie ihre Flachmänner
für den nächsten Tag.
Der Wodka brachte ihr ihre Selbstsicherheit zumindest teilweise zurück.
Sie würde ihn schon überzeugen. Wenn sie nur gut genug im Bett war. Schließlich
wusste sie ja, wie Männer ticken.
Die totale Niederlage folgte, als Günter um zehn die Wohnung betrat.
Helga war, wohl auch wegen des reichlich genossenen Wodkas, neben Melanie
eingeschlafen. Die Lockenwickler steckten noch im Haar und das Abendessen für
Günter hatte sie auch noch nicht gerichtet.
Die Szene, die folgte, war schrecklich. ..........
