Die Vermessung der Welt
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Produktbeschreibung
Die Vermessung der Welt
Produktinformation
- Amazon-Verkaufsrang: #641 in Bücher
- Veröffentlicht am: 2008-02-29
- Einband: Taschenbuch
- 304 Seiten
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Das Verfahren ist bekannt und bewährt: Man nehme einen Denker aus der deutschen Geistesgeschichte und schlage literarischen Profit aus dessen Verschrobenheit. Ganz vorzüglich ist das beispielsweise Gert Hofmann mit Georg Christoph Lichtenberg in Die kleine Stechardin gelungen. Bernhard Setzwein hat mit Nicht kalt genug einen vorzüglichen Nietzsche-Roman vorgelegt, und Klaas Huizing widmete sich in Das Ding an sich auf hoch vergnügliche Weise dem Königsberger Philosophen und Kant-Vertrauten Johann Georg Hamann. Nun versucht sich auch Daniel Kehlmann erfolgreich an diesem Genre und porträtiert in seinem Roman gleich zwei deutsche Geistesgrößen: Das Mathematikgenie Carl Friedrich Gauß und den Universalgelehrten und großen Naturforscher Alexander von Humboldt. Im Zentrum steht ein Treffen der beiden 1828 in Berlin, auf einem Naturforscherkongress, für den Gauß nur sehr widerwillig sein Göttingen verlässt. Die zwei Großdenker haben sich beide auf ihre eigene Weise der Vermessung der Welt gewidmet, kommen sich aber nur zaghaft näher.
Der Roman kann sich auf knapp 300 Seiten Leben und Werk der beiden allerdings nur schlaglichtartig widmen, eher skizzenhaft und sehr kurzweilig erleben wir wichtige Stationen ihres Schaffens in einer geschickten Mischung aus Fakten und Fiktion: Humboldt auf seinen strapaziösen Exkursionen nach Südamerika, Gauß dagegen eher zerrissen zwischen der hehren Welt der Zahlen und dem schnöden Alltag, denn auch ein Genie hat Zahnschmerzen und muss sich mit Frau und Kindern herumplagen. Die Komik des Romans speist sich dabei nicht nur aus den ironisch beleuchteten Charakteren von Gauß und Humboldt, sondern auch aus der Spannung zwischen Größe und Lächerlichkeit. Humboldts große Forschungsreise nach Russland etwa gerät zur Farce, weil er schon zu berühmt ist: die ganze Expedition gerät zur Massenveranstaltung mit über 100 Teilnehmern, und statt zu Forschen verbringt Humboldt die meiste Zeit auf Empfängen.
Am Ende kann man Daniel Kehlmann gleich doppelt gratulieren: Zu diesem ebenso unterhaltsamen wie niveauvollen Roman -- und zur Nominierung von Die Vermessung der Welt zum in diesem Jahr erstmals verliehenen Deutschen Buchpreis. --Christian Stahl
Amazon.de Audiobook-Rezension
In seinem fünften und bisher besten Roman widmet sich der junge Daniel Kehlmann gleich zwei großen Geistern der an deutschen Genies reichen Epoche des 19. Jahrhunderts. Abwechselnd lässt er Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt die Welt erforschen und vermessen, am Ende begegnen sich die beiden, inzwischen alt und berühmt geworden, in Berlin. So leicht, geistreich und zugleich witzig ist schon lange nicht mehr über deutsche Dichter und Denker erzählt worden, über die allzumenschliche Lächerlichkeit auch im Genial-Erhabenen. Ob das alles wirklich so war, fragt der glückliche Leser nicht, auch wenn die leicht karikaturhaften Züge nicht zu leugnen sind. Etwa wenn Humboldt mit seinem Begleiter Bonpland von Paris nach Madrid reitet, um dort am Hof um die Erlaubnis für seine erste Südamerikaexpedition anzusuchen, sie aber einfach nicht vorankommen, weil Humboldt nicht aufhören kann, nebenbei zu messen und zu forschen: “Ein Hügel, von dem man nicht wisse, wie hoch er sei, beleidige die Vernunft, mache ihn unruhig. Ohne stetig die eigene Position zu bestimmen, könne ein Mensch sich nicht fortbewegen. Ein Rätsel, wie klein auch immer, lasse man nicht am Wegesrand.“
Gäbe es einen Preis der prägnantesten Hörbuchstimmen, hätte Ulrich Matthes sicher gute Chancen. Es genügen wenige Worte, um ihn zweifelsfrei zu erkennen. Unverkennbarkeit einerseits, grandioser Schauspieler andererseits, wie Matthes in zahlreichen Stücken, Filmen und Hörbüchern bewiesen hat. Auch aus dem Kehlmann-Roman macht er ein akustisches Ereignis und vermag die Wirkung dieses glänzenden Stücks Literatur noch strahlender zu machen. Dringend zu empfehlen!
Spieldauer: ca. 345 Minuten, 5 CDs, Hörbuchfassung des Autors
--Christian Stahl
kulturnews.de
Kehlmanns Gauß ist ein alter Grantler, sein Humboldt ein Ignorant, beide so überzeugt von der eigenen Genialität, so unsensibel und egoman, dass es eigentlich nicht auszuhalten ist. Das hört man sofort, wenn Udo Schenk und Michael Rotschopf ihre Figuren zum Leben interpretieren. Hier ist es aber auch fast schon vorbei mit den Vorteilen der Hörspielfassung gegenüber dem geschriebenen oder simpel vorgelesenen Wort. Denn die vom Autor so kunstvoll in verschiedene Zeit- und Erzählebenen gespaltene Geschichte, deren rotes Bindeband neben der historischen Kongruenz lediglich der Größenwahn seiner Protagonisten ist, leidet an den notwendigen Kürzungen und Kunstgriffen. Wie macht man Gedanken hörbar? Wie Wahn? Durch leises Murmeln: Gauß ist ganz in seinen Zahlenwelten versunken, auch wenn er vordergründig etwas anderes tut. Nicht jede Situation kann der Mathematiker so unvermittelt verlassen, wie die eigene Hochzeitsnacht. Eine andere Möglichkeit ist Verzerrung: Humbold und sein Sidekick und Teilerzähler Bonpland (mit französischen Akzent: Jans Wawcrzeck) bringen sich auf ihrer Bergbesteigung fast um und den Hörer an den Rand nervlicher Belastbarkeit. Gut gemacht ist die vertonte Fassung von Alexander Schuhmacher schon, aber in einem mit derart komplexen Gedanken gespickten großen Wurf wie "Die Vermessung der Welt", hätte man sich weniger Tricks und mehr Linearität gewünscht. (kab)
