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Das Mondgeheimnis

Das Mondgeheimnis
Von Stefan M. Fischer

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  • Amazon-Verkaufsrang: #408374 in Bücher
  • Veröffentlicht am: 2006-11-30
  • Einband: Broschiert
  • 271 Seiten

Aus der Amazon-Redaktion

Kurzbeschreibung
Alena ist eine bildhübsche Studentin, die sich aufgrund eines traumatischen Kindheitserlebnisses der Liebe und dem Leben verschließt. Sie spinnt als Schutz ein Netz aus Lebenslügen um ihre Seele. Doch als sie den Künstler Ondrej kennenlernt, merkt sie, dass sie mehr vom Leben will.

Doch da ist nicht nur ihre emotionslose Beziehung mit Vlado, sondern auch die Sache mit ihrer Mutter - und das Mondgeheimnis.

Über den Autor
Stefan M. Fischer fand erst mit 21 Jahren durch den Tod seiner Mutter die Liebe zum Geschichtenerzählen. Anfangs war Schreiben für ihn eine Art Therapie. Mittlerweile ist es ihm eine Herzensangelegenheit.

Da ihm vieles am Herzen liegt und er sich gern ausprobiert, lassen sich seine Arbeiten nicht in spezielle Genres verpacken.

Mehr über ihn und seine Arbeit: autor-stefan-fischer.de

Auszug aus Das Mondgeheimnis von Stefan Fischer. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Über ihrem Bett hing ein Kruzifix. Die Farbe unter Jesus' Knien
war abgeblättert. Oft hatte Alena das Kreuz in Händen gehalten und ihre
Stirn im Gebet an diesen Beinen wund gerieben.
Sie zog die Decke bis zum Kinn und starrte in das Mondlichtdunkel. Ihre
Hände zitterten, noch immer wirkte der Albtraum nach. Papa saß neben ihr
auf der Bettkante, der Tür zugewandt. Hoffentlich noch die ganze Nacht,
dachte sie. Den Kopf hatte er auf die Hände gestützt. War er eingeschlafen?

Sie sah hinüber zu dem eingerahmten Foto auf dem Nachttisch. Ihr Papa war
darauf zu sehen, auf einer Wiese, vor zwölf Jahren, mit ihr als Baby auf
dem Arm.
Vergeblich tastete sie nach dem Stoffmond, ihrem Tröster, und erspähte
seine Umrisse unendlich weit weg auf dem Stuhl neben der Kommode.
Sie befühlte mit der Zunge die Kruste an der Unterlippe und widerstand dem
Drang, sie aufzubeißen. Mit dem Deckenzipfel wischte sich Alena den Schweiß
von der Stirn, dann stieg sie auf der anderen Seite aus dem Bett, so
geräuschlos wie möglich. Sie schlich am Fenster vorbei und warf einen Blick
auf die Tanne im Garten. Der Schnee glitzerte auf dem Wipfel.
Drei Schritte später klemmte sich Alena den Stoffmond unter den Arm. Sie
schlich zurück, auf dem Dielenboden fiel ihr ein kleiner, dunkler Fleck
auf. Sie beugte sich vor und erkannte einen eingetrockneten Bluttropfen.
Das musste vor wenigen Tagen passiert sein. Sie hatte unter dem Fenstersims
gekauert, die Rippen des Heizkörpers im Rücken, den Tröster im Schoß, und
sich die Lippe blutig gebissen.
Sie legte den Stoffmond neben das Kopfkissen. Noch einmal schlich Alena
durch das Zimmer, zur Kommode und durchsuchte die Schubladen. Sie fand eine
offene Packung Tempos neben einem gläsernen Reh und dem Foto vom
Strandurlaub. Ihr älterer Bruder Milan war darauf zu sehen und Mutter. Er
hatte seine Beine eingegraben, seine grüne Badehose lugte unter dem Sand
hervor. Die Mutter saß im Bikini auf einem Badetuch, die Haut noch ohne
Brandnarben.
Alena wollte das Foto zerknüllen, es in kleine Stücke reißen, zog die Hand
aber wieder zurück. Sie sah über die Schulter zu Papa, drehte das Bild um
und stellte das gläserne Reh darauf.
Dann rubbelte sie mit dem Taschentuch und ein bisschen Spucke die Stelle
vor dem Fenster sauber und warf das schmutzige Tempo in den Papierkorb. Vor
dem Bett blieb sie stehen und griff sich den Stoffmond. Sie streichelte
über den gelben Plüsch und ertastete dabei die ausgefranste Stelle am Rand.
Flaum schimmerte hindurch. Alena hatte Angst, dass ihn die nächste Wäsche
zerfleddern könnte. Ihre Mutter zu bitten, die Wunde ihres Trösters zu
nähen - das wagte sie nicht.
Sie schlüpfte unter die Decke, leise, nicht dass Papa wach wurde, und hielt
den Stoffmond gegen den Bauch gedrückt.
"Mama!" Die Stimme kam aus dem Flur, Milans Stimme. Er klang erschrocken.

Alena krallte die Finger in den Tröster. Bestimmt hatte ihr Bruder wieder
einmal an der Tür gelauscht und war von der Mutter ertappt worden.
"Milan!", hörte sie die Mutter in der Schärfe sagen, die Alena so
fürchtete. "Was machst du da?"
"Ich ... ich wollte nur ins Bad und ... und da hörte ich sie!"
Alena kauerte sich zusammen und presste den Stoffmond zwischen die
zitternden Knie. Sie stellte sich die beiden vor: Neben der Kommode mit dem
Telefon zog Milan den Kopf ein, den Blick auf den eisernen Zeitungsständer
am Boden fixiert, während die Mutter die welligen Narben am Hals rieb und
auf Antwort wartete.
Papa stand auf, die Matratze gab nach. Er streckte sich und gähnte. Bitte,
bleib da, wollte Alena rufen. Bleib da!
Die Tür ging auf, quietschte. Eine Gestalt erschien im Türrahmen, Mutter.
Alena zerbiss die Kruste an der Unterlippe. Papa blieb neben dem Bett
stehen, vom Flurlicht eingefangen, und nestelte an seinem Hosenbund. Sein
Hemd war zerknittert. Alena schlüpfte aus dem Bett und versteckte sich
darunter.
"Was machst du hier?", hörte sie die Mutter.
"Hedvika, ich ..."
"Dieses Schwein!", schnaufte Milan mit erstickter Stimme.
Auf Papas Pantolette schimmerte ein Fettfleck. Alena rutschte weiter nach
vorne und hielt sich am Bettpfosten fest, während sie dem Geschehen
tatenlos zusah.
"Wie konntest du nur", wisperte Mutter. Ihre Hand hielt den Türgriff
umkrallt, zitterte. Sie hatte sich den blauen Morgenmantel nur umgelegt.
Die Ärmel wippten. Vorne übergebeugt stand sie da und blickte auf den
Läufer vor Alenas Bett, mit der anderen Hand fingerte sie am Nachthemd.
Papa ging auf sie zu und nahm ihre Hand von der Klinke. "Aber Hedvika, was
hab' ich ..."
"Geh weg von mir!" Sie riss sich los, wich zurück und sah ihn an wie einen
Fremden. "Bleib mir bloß vom Leib." Sie rieb ihren Hals und kratzte dann
mit den Fingernägeln weiße Striemen auf das Narbengewebe.
"Hör auf damit! Du kratzt dich noch blutig!"
"Alles deine Schuld!" Sie drehte sich um und stürzte aus dem Zimmer. Der
Morgenmantel rutschte ihr von den Schultern und blieb auf dem Gang liegen,
während sie um die Ecke verschwand. Die Badezimmertür knallte ins Schloss,
der Schlüssel wurde umgedreht, Alena konnte Mutter schluchzen hören. Papa
ging ihr nach und als er aus Alenas Blickfeld verschwunden war, sah sie
Milan vor der Kommode stehen, mit zornesrotem Gesicht. Sein
Lieblings-T-Shirt, das schwarz-gelbe, hatte er verkehrt herum angezogen.
"Hedvika, mach auf! Bitte!" Papas Stimme. Ein Türklopfen.
"Hau ab! Ich will dich nicht mehr sehen!", schrie Mutter mit
tränenerstickter Stimme.
"Hedvika ..."
"Arschloch!", zischte Milan.
"Jetzt reicht's aber!"

Alena sah Papa auf Milan zustampfen, und wie er ihn an den Oberarmen
packte. Sie rutschte unter dem Bett hervor, zur Wand und blinzelte hinter
dem Türrahmen in den Flur. Wie könnte sie die beiden trennen?
"Bürschchen ..."
"Lass mich los!" Milan wand sich.
Papa rüttelte ihn. "Was fällt dir ein? Bist du verrückt geworden?"
Die Badtür ging auf. "Lass Milan in Frieden!"
Alena duckte sich, als sie Mutter mit den verheulten Augen sah. Die
Kratzspuren an ihrem Hals waren gerötet. Drei Schritte, dann verhakte sich
ihr Fuß im Morgenmantel. Sie fiel auf die Knie.
Papa stieß einen Schmerzlaut aus, Milan hatte gegen sein Schienbein
getreten und sich losgerissen. Papa boxte ihn gegen die Brust. Milan kippte
hintenüber und ruderte mit den Armen. Er fasste nach der Kommodenkante, zog
die Zeitschrift mit sich. Der braune Läufer vor seinen Füßen wellte sich.
Ein lautes Knacken brach durch das Geräusch der zu Boden flatternden
Zeitschrift.
Alena sah den eisernen Zeitungsständer neben Milans Kopf, hörte den Bruder
röcheln. Zwei Atemzüge, drei, dann erschlaffte Milan. Die Augen hatte er
weit aufgerissenen, der Blick war leer.
"Um Gottes Willen!", rief Mutter, mühte sich auf die Beine und kniete vor
Milan nieder. "Karel! Was hast du getan!" Sie bettete Milans Kopf in ihren
Schoß und strich ihm die Haare aus der Stirn. Die Röte wich mehr und mehr
aus seinen Wangen.
Papa trat einen Schritt zurück, stieß gegen die Kommode und seine Finger
tasteten fahrig umher.
"Wach auf!", flüsterte Mutter. "Wach auf!", flehte sie. Ihre Finger
krampften sich in Milans Arme. "Wach auf!" Sie schaute auf und brüllte:
"Ruf einen Krankenwagen! Schnell!"
Papa fasste nach dem Hörer. Der rutschte von der Gabel und knallte auf den
Boden.
Mutters Nachthemd färbte sich rot. Langsam hob sie die Hand, von den
zitternden Fingern tropfte Blut. Sie schrie. Alena klammerte sich am
Türrahmen fest, als sie Papa die Eingangstür aufreißen sah. Er warf sie
hinter sich ins Schloss. Alena wollte ihm nach, wollte nicht alleine
gelassen werden, mit Mutter und Milan. Sie hörte Papas Schritte im
Treppenhaus und eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel.
"Karel! Komm zurück!", rief Mutter hinterher.

Alena raffte sich auf, lief zum Fenster und spähte nach ihm.
Laternen beleuchteten die schneebedeckte Straße, über die sich eine
Traktorspur zog. Die Häuser harrten wie in weiße Decken gemümmelt am
Wegesrand, vom Mondlicht umrissen.
"Karel!"
Der Schneemann im Garten hatte die Karottennase verloren. Davor lagen
verschneit der Schlitten von Milan und ein roter Handschuh.
"Du sollst zurückkommen", wimmerte Mutter, "zurückkommen ... bitte ..."
Alena sah Papa und legte eine Hand auf die Scheibe, fühlte die eisige
Kälte, die ihm zu schaffen machen musste. "Komm zurück", murmelte sie und
ihre Worte beschlugen das Glas. Er stolperte durch das Weiß, fiel auf die
Knie, stemmte sich wieder hoch. Er schüttelte Schnee von den Händen, dann
lief er in der Traktorspur, vorbei an den Nachbarhäusern. Bald verließ er
die Straße, hastete einen Hügel hinauf, bis Alena ihn nicht mehr sehen
konnte.