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Zweier ohne. Eine Novelle

Zweier ohne. Eine Novelle
Von Dirk Kurbjuweit

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  • Amazon-Verkaufsrang: #498659 in Bücher
  • Veröffentlicht am: 2003
  • Einband: Taschenbuch
  • 133 Seiten

Aus der Amazon-Redaktion

Neue Zürcher Zeitung

Bodenlose Gemeinsamkeit

«Zweier ohne» – Dirk Kurbjuweits meisterhafte Novelle

«In der Nacht, als das Mädchen vom Himmel fiel, wurde Ludwig mein Freund.» Mit diesem märchenhaft intonierten Satz beginnt eine bewundernswert dichterische Erzählung, die ihr Autor etwas altmodisch als «Novelle» präsentiert. Doch nichts wirkt antiquiert an diesem strengen, scharf geschliffenen Text, mit dem der 39-jährige Romancier Dirk Kurbjuweit sprachliche Kunstfertigkeit auf ästhetisch eindringliche Weise Stil werden lässt. Formal und thematisch aber vollzieht sein schönes kleines Buch tatsächlich eine überzeugende Rückwendung zu jener angeblich längst abgetakelten literarischen Gattung der Novelle, deren klassisch konzentrierte Struktur hier der Geschichte vom fatalen Scheitern einer Jugendfreundschaft beklemmende Dichte verleiht.

Von Anfang an birgt das Geschehen von «Zweier ohne» – gemeint ist ein Boot für zwei Ruderer ohne Steuermann – die Schatten einer «Ungeheuerlichkeit» in sich. So nennt der rückblickende Erzähler in seinem Monolog das, was Goethe im Gespräch mit Eckermann als «unerhörte Begebenheit» bezeichnete. Bei Kurbjuweit ereignet sie sich sofort in der Eröffnungsszene seiner Geschichte: als ein für den Leser zunächst rätselhafter Höhenflug eines Mädchens, der zwangsläufig im Absturz endet. Denn keine Lichtgestalt schwebt da im Dunkel, sondern ein todessüchtiges Wesen, das den Weg in den Abgrund gesucht und sich von einer Brücke gestürzt hat. Und gleich nebenan, fast unter dieser Brücke, wohnt Ludwig, der Schulkamerad des Erzählers.

Wie präzise auch die Architektur der Brücke ins Bild gesetzt ist, für die beiden Knaben bleiben entscheidende Daten ungewiss: «Ich weiss bis heute nicht, wie viele Pfeiler sie hat, obwohl ich oft versucht habe, sie zu zählen . . . Ich kann nur sagen, dass es 15, 16 oder 17 Pfeiler waren, aus hellem Beton, stämmig und doch verstörend schmal, zu schmal für den Wind, für die grossen Laster, für vier Spuren Autobahn. Ich weiss auch nicht, wie hoch die Brücke ist, ich kenne keine genaue Zahl, obwohl wir uns viel damit beschäftigt haben. Hoch wie der Himmel, sagten wir als kleine Jungs . . . Ich weiss nicht, ob das stimmt. Man kann so schlecht in den Himmel hinein schätzen.»

Zeichenhaft und damit weniger deutlich als Leitmotiv akzentuiert, taucht die Brücke immer wieder an wesentlichen Punkten der Erzählung auf. Als ambivalentes Symbol des Empirischen, des Verbindenden sowie des Trennenden, des Absoluten. Wie in einer Ballade verströmt ihre Silhouette etwas Unenträtselbares, ja Beängstigendes, das den Leser bannt und ihn Unvermeidliches ahnen lässt: «Ich war nicht sicher, ob Ludwig zu mir passt. Dann fiel das Mädchen vom Himmel.» Für die beiden Schüler hingegen wird der dramatische Zufall des unheimlichen Ereignisses zum Auslöser eines Gefühls der Verbundenheit. Pubertär nach Selbstbestätigung durch ein verwandtes Du suchend, gelangen sie über das gemeinsame fatale Erlebnis zu einem wortlosen Einverständnis, zur komplizenhaften Vertraulichkeit von Augenzeugen, die sie für Freundschaft halten. Denn «nur ein Freund konnte einem ununterbrochen das Gefühl geben, da zu sein».

So jedenfalls erklärt es der Erzähler Johann in seiner geradlinigen Diktion, die auf angenehme Weise ohne Versatzstücke aus dem modisch deftigen Vokabular verbal auftrumpfender junger Männer auskommt. Stärker noch als Ludwig ist der mit seiner grämlichen, vom Vater verlassenen Mutter allein lebende Johann mangels Zuwendung und Führung in seinem Selbstbewusstsein unterentwickelt. Mehr als der zunächst dynamischere und elastischere Gefährte bedarf er, um sich authentisch zu fühlen, der konturierenden Spiegelung seines Ich in der ihm allerdings nur vermeintlich zugänglichen Seele des anderen.

Ergeben folgt er dem Freund nach Hause, wo «alles anders war, als ich es kannte, Holzdielen, die bei jedem Schritt knarrten, als liege jemand darunter und beschwere sich über die Störung».  Wiederum ist es nur ein minimaler Verweis, der die kleinweltliche Atmosphäre dieses Handwerkerhaushalts überhöht. In einer schäbigen Werkstatt repariert da ein «verlegener Vater» mit «sehr dünnen Beinen» Motorräder, beobachtet von einer unauffälligen weiblichen Gestalt, die eine ölverdreckte Katze streichelt: «Ich weiss nicht mehr, was mein erster Eindruck von Ludwigs Schwester war. Ich glaube, ich habe sie nicht wahrgenommen, sondern die Katze. Es waren keine guten Gedanken.»

Trotz der beiläufigen Vorwarnung vor einer sich unterschwellig andrängenden dunklen Wirklichkeit folgt Johann seinem gelegentlich durchaus herrischen Kumpel bei allen kühnen Unternehmungen. Konfliktscheu und ohne Gegenwehr, mehr fasziniert als willig, lässt er sich auf äusserst riskante Mutproben ein, denen Ludwig ihn auf der Brücke unterzieht. Schliesslich wollen sie ja «Zwillinge» sein und im wörtlichen wie im übertragenen Sinn ins «Gleichgewicht» kommen. Das gelingt ihnen auch für einige Zeit in einem weniger luftigen, weniger gefährlichen Bereich als dem der «hohen, sehr hohen» Brücke: Johann, der «den Fluss darunter liebt», ist Mitglied im Ruderklub und beginnt mit Ludwig Regatten im Zweierboot ohne Steuermann auszutragen. Scheinbar nur auf dem Wasser autark, spürt er allerdings auch hier bald die zwiefache Bodenlosigkeit ihrer Beziehung. Denn plötzlich bringt sein Freund aus unerklärlichen Gründen die beiden Ruderer durch manisches Essen aus der Gewichtsbalance.

Mit virtuoser Dezenz hält Kurbjuweit Ludwigs ambivalentes Spiel zwischen fordernder Annäherung und verhohlener Abkehr in der Schwebe. Allein ein kunstvolles Verweissystem von Zeichen lässt ahnen, dass wirkliche Gemeinsamkeit hier nur punktuell im Ausloten von Grenzsituationen aufscheint. Nähe und Distanz, Vertiefung und Verletzung, Offenheit und Verhüllung überspielen die geheimnisvolle Präsenz des Faktums. Trügerisch wird sie übermalt von den unpathetisch schraffierten erotischen Initiationen der beiden Heranwachsenden. Schon lange ist erwachende Sexualität in der deutschsprachigen Literatur nicht mehr mit solch feinfühliger Verhaltenheit und Intensität in Szene gesetzt worden.

Dass voreinander geheim gehaltene Rituale jeweils Wendepunkte in der ohnehin prekären Freundschaftsbeziehung setzen könnten, bleibt dank der raffinierten, unaufdringlich kriminalistischen Handlungsführung des Autors Dirk Kurbjuweit unvorhersehbar. Die Gründe für das finale Scheitern dieser Vertrautheit ohne Innerlichkeit kennt nur ein ganz anderer Steuermann, der von Anfang an den Kurs vorgegeben hat. Ihn aufzuspüren, wird dem Leser überlassen, dessen empathischem Bedürfnis diese Novelle auf wahrhaft klassische Weise entgegenkommt.

Ute Stempel.

Pressestimmen
"Seit Grass und "Katz und Maus" hat man nicht mehr so schön von dieser Zeit gelesen, in der Gefühle nur in Wirbeln auftreten und Glück immer auch traurig macht. Ein kleines Buch, in dem eine Stille herrscht, wie nach einem Unglück." Die Zeit, 27.12.2001

Kurzbeschreibung
Im Oktober im Kino! Schullektüre ist sie schon heute: Dirk Kurbjuweits großartige Geschichte über Freundschaft, erste Liebe und Erwachsenwerden. Jetzt kommt sie ins Kino - verfilmt von Jobst Christian Oetzmann ("Die Einsamkeit der Krokodile"). Über sieben Jahre hinweg wächst die Freundschaft zwischen Johann (Timo Mewes) und Ludwig (Jacob Matschenz). Ludwig hat einen Plan, einen Traum: Wie Zwillinge sollen beide werden, in völligem Gleichklang leben, denken und fühlen, denn nur dann haben sie beim Ruder-Wettkampf im Zweier ohne gegen die echten Zwillinge aus Potsdam eine Chance. Als Johann mit Ludwigs Schwester Vera (Sophie Rogall) schläft, versucht er es geheim zu halten. Ludwig scheint nichts zu merken, wird aber immer seltsamer. Statt zu fasten, um die notwendigen 62,5 Kilo für den Wettkampf zu halten, beginnt er maßlos zu fressen. Immer häufiger klettert er hinauf zur Brücke, von der sich manchmal nachts die Selbstmörder stürzen, die im Garten seiner Eltern landen. Schließlich wird Johann klar, dass Ludwig ihr Zwillingsgelübde bis über alle Grenzen hinaus austesten will.