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Das unbesetzte Gebiet. Im schwarzen Berg

Das unbesetzte Gebiet. Im schwarzen Berg
Von Volker Braun

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42 Tage, im Mai und Juni 1945, war das erzgebirgische Schwarzenberg unbesetztes Gebiet. Die Einwohner, die Flüchtlinge, Ostarbeiter, marodierende Soldaten fanden sich unverhofft im Niemandsland. Niemand war zuständig für sie, wer würde sie versorgen? Es begann eine herrschaftslose Zeit, nämlich ein großes Durchenanner; und das hieß für die einen ein banges Warten und für die andern, wenigeren, ein unverschämtes Beginnen. Denn wenn man sie vergessen hatte, mußten sie sich auf sich selbst besinnen. Das ist eine Geschichte wie aus Hebels Kalender, und keine Person, keine Handlung ist erfunden, sie will ihre Kraft, ihre Rührung aus dem Wirklichen ziehen. - Ein Anhang enthält Erkundungen, Grabungen im schwarzen Berg; und wieder spricht das Massiv Seht, wie ihr weiterkommt. Vor Ort, im Dunkeln bewährt sich der Satz des Autors Jetzt bin ich in der Geschichte, und eine andere Frage stellt sie nicht, auch wenn sie vorbei ist; vorbei und verloren ist, und man sieht nun, was wahr war und was nicht war. Denn es ist jetzt mein eignes Gebiet, das unbesetzt ist, von den Truppen der Doktrin und des Glaubens, und nur Hoffnung vielleicht siedelt, die uns betrügt und weiterträgt.


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  • Amazon-Verkaufsrang: #540890 in Bücher
  • Veröffentlicht am: 2004-07-12
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • 132 Seiten

Aus der Amazon-Redaktion

Neue Zürcher Zeitung
Die können uns doch nicht vergessen haben - Volker Braun träumt von herrschaftslosen Zeiten Von Beatrix Langner Drei Jahre Kapitalismus habe er vormals, witzelt Volker Braun, einer Stadt wie Leipzig gewünscht, damit wenigstens die Fassaden saniert, die Gehwege repariert, die Bausubstanz gerettet würde. Gesagt, getan. Der Kapitalismus kam, aber nun würden ihn, fragte man das Volk, dreissig Prozent gern wieder gegen den Sozialismus zurücktauschen, «vorausgesetzt, er wollte nur zur Beseitigung des Unrechts dienen und Gleichheit herstellen und sich im Übrigen wieder abwählen lassen». Hinsichtlich der jüngsten Wahlergebnisse liegt der Katechet eines freien, demokratischen Sozialismus, der Dichter der dialektischen Staatsräson damit gar nicht so falsch. Und so träumt Braun weiter von einer «bewegliche(n) Gesellschaft, die fähig wäre, sich zu besinnen und sich aus sich selbst zu reissen, in einem Zyklus von Siebenjahrplänen aus Handel und Wandel, Revolutionen und Konterrevolutionen, Aufsichtsräten und Räterepubliken. Das wäre der Stoff eines grandiosen Zukunftsromans, des wirklichen west-östlichen Divans. Ich kann ihn nicht schreiben.» Im Niemandsland Wenn die politische Phantasie deutscher Schriftsteller jemals die Geschichte ihrer kurzlebigen Staatengebilde hätte beeinflussen können, sie wäre anders verlaufen. Nur einmal, ein einziges Mal war es so, wie kein Schiller, Büchner oder Braun es sich kühner hätte ausdenken können. Am 19. Mai 1945 druckt sich das Landratsamt Schwarzenberg im Osterzgebirge eigene Briefmarken. Der Hitlerkopf wird mit der Silhouette des Schlosses, Wahrzeichen der kleinen Bergarbeiterstadt am Fichtelberg, schwarz überdruckt. Nachdem Anfang Mai die Demarkationslinie auf dem 13. Breitengrad zwischen General Bradleys 12. US-Army und Marschall Konjews 1. Ukrainischer Front festgelegt worden war, stockt der Vormarsch. Am 9. Mai liegen 2000 Quadratkilometer Deutsches Reich zwischen Annaberg und Aue unbesetzt und «herrschaftslos» auf der deutschen Landkarte herum, ein unbeschriebenes Blatt, Niemandsland für eine Viertelmillion Menschen. «Die können uns doch nicht vergessen haben», wundert sich einer, der später davon berichten wird, der Arbeiter Paul Korb. Also gründen er und eine Handvoll ehemaliger Kommunisten einen Antifaschistischen Aktionsausschuss, besetzen das Schwarzenberger Rathaus und drucken sich ihren eigenen Frieden. So weit die Historie. Die «freie Republik Schwarzenberg» bestand nach Aktenlage 47 Tage, vom 11. Mai bis 26. Juni. Die Deutsche Demokratische Republik bestand 40 Jahre und 361 Tage. Und hier beginnt die Legende. Als sächsisches Utopia, in dem wahrhaftig alle Macht vom Volk ausgegangen war, hat Stefan Heym die Angelegenheit in seinem Roman «Schwarzenberg» beschrieben. Als «Aufstand der Totgesagten» feierte vor ihm ein anderer, der mediokre und parteitreue Johannes Arnold, die kommunistische Selbstverwaltung als späten Triumph der weimarischen KPDler. Nun erzählt Volker Braun sie noch einmal, aber auch er, der sonst so gern Sarkasmus und fürchterlichen Witz über seine Zeitgenossen schüttet, hat von der Farce, dem Gauklerischen dieser seltsamen Geschichtssekunde nur verhalten Gebrauch gemacht. Zu elend waren die Zeiten, zu erdrückend die Schatten, die von den Bergen aus Toten in die ersten Friedenstage fielen, als dass man es ihm verdenken könnte. Die Geschichte von Schwarzenberg ist, wie gesagt, so komisch, wie sie exemplarisch ist für Brauns Idee einer offenen, beweglichen Geschichte, jedenfalls aber untauglich für kommunistische Mythenbildungen. Seit den ersten freien Wahlen im September 1946 hatte die Block-CDU die Mehrheit im Rathaus, bis zuletzt. Ihre Aktivisten haben die kurze Chronik der Selbstverwaltung selbst erzählt, und Volker Braun hat ihre Zeugnisse auf gut 50 Seiten verdichtet und dokumentiert. «Keine Gestalt und Begebenheit ist erfunden», heisst es, «Abweichungen von real existierenden Personen sind Zufall.» Warum die Schwarzenberger sich ihre Besatzer schliesslich selber hereinholen mussten, hat der Publizist Henry Köhler schon vor Jahren recherchiert. Demnach habe es Absprachen der USA mit der Wehrmachtsführung gegeben, wonach die Osterzgebirgstruppen unter Generalfeldmarschall Schörner bis zuletzt Widerstand gegen den Vormarsch der Russen, nicht aber der Amerikaner leisten sollten, um möglichst vielen NS-Soldaten der letzten Stunde ein Schlupfloch in die amerikanische Zone freizuhalten. «Der kalte Krieg hatte vor dem Frieden begonnen, und Schwarzenberg spielte seine unbegriffene Rolle», kommentiert Braun und schliesst sich damit Köhlers These an. «Das unbesetzte Gebiet» vibriert von der poetischen Kraft braunscher Sentenzen. Die reale, dokumentierte Geschichte wird postum besetzt, ohne enteignet zu sein. Aus der politischen Anekdote wird so allein durch Sprachkunst ein geschichtsphilosophisches Exemplum, die Verfassungspräambel einer freien Republik des Geistes. Denn auch Volker Braun, der Dichter Ohneland, versteht sich als Bewohner eines Niemandslands. Da geht es nun nicht mehr, wie bei Heym noch, um republikanische Geschichtsfiktionen. Braun entideologisiert die «freie Republik», um die Freiheit für sich selbst zu reklamieren; als Ideal, das nur noch insofern von dieser Welt ist, als es sich auf den subjektiven Freiheitsbegriff Schillers, Kants oder Büchners beruft: anarchistisch, individualistisch und radikal. Auf das Exemplum folgt die Pictura, eine Sammlung kurzer Prosatexte, die unter dem Titel «Im schwarzen Berg» motivische oder politische Bezüge auf Schwarzenberg zusammenfasst. Das Bedeutungsfeld reicht von einem klugen Beobachter der 1848er Revolution namens Braun über eine schöne Hommage an Franz Fühmann, dessen letzte literarische Arbeit ihn verzweifelt tief ins Kalibergwerk Bischofferode zog, bis zu den Massakern von Bali und in Moskaus Nord-Ost-Theater und zu den an den Küsten der Festung Europa angetriebenen Menschenleibern. Das also bleibt von der Utopie Schwarzenberg: ein briefmarkengrosses Gebiet im unermesslichen Feld der Gegenwart, Freihandelszone «einer jeden künftigen Haltung, die als Literatur wird auftreten können». Ein poetischer Topos Wem eine Geschichte gehört, darüber gibt es derzeit Streit in der deutschen Literatur. Fiction, Faction und Fake konkurrieren um den Doku-Bonus beim Massenpublikum und überbieten sich, wenn es darum geht, etwas als auf wahren Begebenheiten basierend auszugeben. Auch Literatur ist nicht davor geschützt, zur Geisel der Wirklichkeit zu werden. Auf den Abraumhalden der Utopien blühen nur noch die bösen Blumen einer literarischen Phantasie, die sich permanent von der Wirklichkeit in den Schatten gestellt sieht. Wer immer noch meint, diese Wirklichkeit sei der Stoff für Literatur, entzieht sich ihrer traumatisierenden Zerstörungskraft ins Vage. Volker Brauns Schwarzenberg jedenfalls ist, dem realsozialistischen Vokabular entzogen, was jener berühmte Bergmann in Falun, der schon 52 Jahre in Kupfervitriol konserviert im Schacht lag, als er von seiner zur Greisin ergrauten Braut wiedererkannt wurde, für Hebel, Hofmannsthal, Trakl und E. T. A. Hoffmann wurde, ein poetischer Topos von universeller Geltung. «Ich bin mit der Kunst am Ende; nur die Übertreibung ist wahr, kein Theater mehr ohne die Vorstellung, dass es zur Hölle wird, keine Kunst ohne den Traum, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.»

Pressestimmen
"So wie ein Bergmann Flöze anschneidet und Proben zutage fördert, so gräbt Volker Braun in den Stollen der Geschichte und bringt die erstaunlichsten Dinge ans Licht. Die Proben, die er dem schwarzen Berg entnimmt, verweisen auf Kant, Bloch, Kleist, Hebel, Brecht und Peter Weiss, selbstverständlich auf Stefan Heym, vor allem aber auf Franz Fühmann, der ja tatsächlich mit Bergleuten eingefahren ist..." (Der Falter )

"Entstanen ist damit ein Buch gegen den Trend der leicht verdaulichen Mainstreamliteratur, ein anspruchsvolles, hintersinniges Kompendium für alle Querdenker, die mit Volker Braun die Einschätzung teilen, dass auch ich mich in einem besonderen Gebiet befinde, das zu niemand gehört." (Esslinger Zeitung )

Kurzbeschreibung
42 Tage lang, im Mai und Juni 1945, war das erzgebirgische Schwarzenberg unbesetztes Gebiet. Die Einwohner, die Flüchtlinge, Ostarbeiter und marodierende Soldaten fanden sich unverhofft im Niemandsland. Niemand war zuständig für sie, wer würde sie versorgen? Es begann eine herrschaftslose Zeit, nämlich ein großes »Durchenanner«; und das hieß für die einen ein banges Warten und für die anderen, wenigeren, ein »unverschämtes Beginnen«. Denn wenn man sie vergessen hatte, mußten sie sich auf sich selbst besinnen. Das ist eine Geschichte wie aus Hebels Kalender, und keine Person, keine Handlung ist erfunden, sie will ihre Kraft, ihre Rührung aus dem Wirklichen ziehen. – Ein Anhang enthält Erkundungen, Grabungen im schwarzen Berg; und wieder spricht das Massiv: Seht, wie ihr weiterkommt. Vor Ort, im Dunkeln, bewährt sich der Satz des Autors: »Jetzt bin ich in der Geschichte, und eine andere Frage stellt sie nicht, auch wenn sie vorbei ist; vorbei und verloren ist, und man sieht nun, was wahr war und was nicht war. Denn es ist jetzt mein eignes Gebiet, das unbesetzt ist, von den Truppen der Doktrin und des Glaubens, und nur Hoffnung vielleicht siedelt, die uns betrügt und weiterträgt.«